Edith Stein zum Gedenken
Von Dr. Stefan Winckler
Am 12. Oktober 2026 würde die Philosophin und Karmelitin Edith Stein 135 Jahre alt. Die wichtigsten Daten ihres Lebens sind aus den Enzyklopädien bekannt und auf Wikipedia abrufbar.
Das soll uns aber nicht genügen. Die im Juni 2025 erschiene Edith-Stein-Gesamtausgabe in 28 Bänden (Herder Verlag, Freiburg) ermöglicht das Kennenlernen und Studieren all ihrer Schriften. Zur privaten Nutzung sind links unter „Quellen und Literatur“ unten angegeben.
Zunächst erörtern wir, wo und wie über Edith Stein geforscht werden kann und wie ihrer gedacht wird. In mehreren Aufsätzen beschreibt Dr. Martin Zielinski in der Sommerausgabe (2026) der Zeitschrift NON NOBIS Leben und Werk der Heiligen.
Relevanz
An Steins Bedeutung ist nicht zu zweifeln. Sie entwickelte sich zu einer bedeutenden Philosophin in einer Zeit, in der Studentinnen, die nicht aus besitzbürgerlichen oder Akademikerfamilien stammtem, noch sehr selten waren. Um so ungewöhnlicher war ihr Gesuch, sich habilitieren zu dürfen.
Steins Eltern waren orthodoxe jüdische Deutsche aus Schlesien. Den Vollstrecker des Rassenwahns war es egal, dass sie als katholische Ordensschwester (unbeschuhte Karmelitin) in Echt bei Sittard/Niederlande wirkte. Sie deportierten sie und ihre Schwester Rosa über das Durchgangslager Westerbork nach Auschwitz-Birkenau, um sie in einer der Gaskammern zu ermorden. Bis zuletzt spendete sie Trost v.a. den Müttern und Kindern, wie es jedenfalls aus Westerbork belegt ist.
Am 1. Mai 1987 sprach Papst Johannes Paul II. Schwester Teresia Benedicta a Cruce – das war ihr Ordensname – anlässlich seines Besuchs in Köln selig und am 11. Oktober 1998 in Rom heilig: als erste ursprünglich jüdische Frau seit dem Neuen Testament und dem Urchristentum. Dazu erklärte der damalige Bischof von Speyer, Anton Schlembach, in einem Hirtenbrief: Die Heiligsprechung „wird dem Gedächtnis und der Verehrung Edith Steins einen zusätzlichen Schub geben: Noch mehr als bisher wollen wir auf die neue Heilige schauen, uns von ihrer Person, ihrem Leben und Sterben sowie von ihren Schriften inspirieren lassen; noch vertrauensvoller wollen wir sie um ihre Fürsprache bei Gott anrufen, noch öfter wollen wir die Jugendlichen auf diese große jüdisch-christliche Frauengestalt unseres Jahrhunderts als Lebens- und Glaubenshilfe aufmerksam machen“.(1) Schlembach hatte die Selig- und Heiligsprechung Steins zusammen mit anderen Geistlichen initiiert und die Gründung der Edith-Stein-Gesellschaft in Speyer gefördert.
Der Todestag 9. August ist Edith Steins (nicht gebotener) Gedenktag. Seit 1999 ist sie eine von drei Patroninnen Europas: als einzige Frau, die im 20. Jahrhundert lebte. Die anderen beiden Patroninnen sind die heilige Birgitta von Schweden und die heilige Katharina von Siena. Beide lebten im 14. Jahrhundert. Welch ein zeitlicher Abstand zu Edith Stein, der heiligen Teresia Benedicta a Cruce!
Quellen und Literatur
Die Quellen sind mit Leichtigkeit zugänglich: Ihre Autobiografie, ihre geistlichen und philosophischen Aufsätze können auf folgender Seite nachgelesen werden: https://www.edith-stein-archiv.de/edith-stein-gesamtausgabe
Edith-Stein-Bibliografien sind auf der Seite der Edith-Stein-Gesellschaft abrufbar: https://www.edith-stein.eu/sekundaerliteratur/ und https://www.edith-stein.eu/neuerscheinungen/
Schon auf den ersten Blick offenbart sich eine enorme, geradezu überwältigende Materialfülle sowohl von Edith Steins eigenen Schriften als auch über sie und ihr Werk.
Die Seite www.edith-stein-info.de widmet sich Edith Steins Leben seit der Taufe und v.a. ihrer Zeit im Karmel zu Köln. Dort ist darüber hinaus die Rede von Benedikt XVI. in Auschwitz dokumentiert, in der er Edith Stein ausdrücklich aufführt. Die Webseite wurde zum 80. Todestag 2022 angelegt, aber nach nur zwei Jahren nicht mehr erweitert.
Verschiedene Dokumentationen lassen sich mit Hilfe der Suchbegriffe „Edith Stein, Video“ finden. Außerdem ist eine Kapitelsmesse aus dem Kölner Dom (2025) zu ihrem Gedenken abrufbar: https://www.domradio.de/video/kapitelsmesse-am-gedenktag-der-heiligen-edith-stein
Das Forschungsinstitut Edith-Stein-Archiv befindet sich auf dem Gelände des Klosters Maria vom Frieden Vor den Siebenburgen 6 in Köln. Ziel ist es, „das Erbe von Edith Stein zu schützen und zu bewahren“ sowie das öffentliche und wissenschaftliche Interesse an Edith Stein zu fördern.
Das geschieht durch Vorträge, Konferenzen oder auch Buchpräsentationen vor Ort und als Online-Übertragung.
Das Archiv enthält ca. 25.000 Blätter mit Autografen und Typoskripten Edith Steins, Fotografien und andere Dokumente, ihre Werke in unterschiedlichen Sprachen, und geisteswissenschaftliche Sekundärliteratur.
Forscher können diese Bestände nach Anmeldung nutzen. Mail: kontakt@edith-stein-archiv.de
Arbeitskreise und Doktorandenkolloquien unterstützen den wissenschaftlichen Nachwuchs.
Die Edith-Stein-Gesellschaften
Nach dem Beispiel der Edith-Stein-Gesellschaft Breslau (siehe unten) enstand im Jahre 1994 die Edith Stein-Gesellschaft Deutschland e.V. (ESGD) mit Sitz in Speyer. Laut Statuten verfolgt die ESGD den Zweck:
„– das Kennenlernen, die Erforschung, Pflege und Verbreitung des philosophischen, pädagogischen und religiösen Erbes von Edith Stein;
– die Verständigung zwischen Völkern und Kulturen;
– die Vertiefung und Erweiterung des Dialogs zwischen Deutschen und Polen, Christen und Juden;
– der Einsatz für gegenseitige Toleranz zwischen ethnischen, religiösen und gesellschaftlichen Gruppen“.
Dies geschieht durch die
„– Förderung der wissenschaftlichen Forschung, der Dokumentation und der Erschließung von Edith Steins Leben und Werk;
– Hilfen für wissenschaftliche, kulturelle, künstlerische, interreligiöse und sonstige Arbeiten, die sich mit dem Erbe von Edith Stein befassen;
– Zusammenarbeit mit den christlichen Kirchen und ihren geistlichen Gemeinschaften, den christlich-jüdischen Gesellschaften, anderen Verbänden und gesellschaftlichen Gruppierungen;
– Organisation von Vorträgen, Seminaren, Ausstellungen, nationalen und internationalen Tagungen sowie von kulturellen und künstlerischen Veranstaltungen“. (3)
Ein Pfarrer und ein Historiker gründeten zusammen mit weiteren Bürgern bereits im Herbst 1989 die polnische Edith-Stein-Gesellschaft in Breslau. Sie war eine der ersten Vereinigungen, die seit dem politischen Sysstemwechsel entstand und ins Vereinsregister eingetragen wurde. Vorausgegangen war eine zunehmende Verehrung Steins nach der Seligsprechung zweieinhalb Jahre zuvor. Webseite: https://edytastein.org.pl/de/
Gedenken
Edith-Stein-Netzwerke innerhalb der ESGD in Freiburg, Speyer, Köln/Bonn, Göttingen und München treffen sich auf regionaler Ebene zu Gottesdiensten, Tagungen und Vorträgen.
Erinnerungsstätten gibt es in Deutschland und darüber hinaus.
Nach ihr sind zahlreiche Straßen, Plätze und Schulen benannt. Kirchen, die ihr geweiht sind, gibt es in u.a. in Frankfurt, Hamburg und Bonn. Pfarreien in Deutschland sind in Bad Bergzabern, Berlin-Neukölln, Bruchsal, Limbach-Oberfrohna, Lorsch-Einhausen, Ludwigshafen, Ludwigslust, Maintal-Dörnigheim, Marl, München-Westend, Neckartal-Hoher Odenwald, Schifferstadt, Trier, Wolfen-Zörbig/Bitterfeld zu finden.
In der oberschlesischen Kleinstadt Lubliniec (Lublinitz), wo die Familie Stein von 1882 bis 1890 lebte, sind seit 2009 zwei Ausstellungsräume im Haus der Großeltern Courant der Stadtpatronin gewidmet: keiner anderen als Edith Stein. Dieses Museum Pro Memoria Edith Stein befindet sich in der Ul. Edyta Stein.(4) In der gleichen Stadt liegen auf dem jüdischen Friedhof Brüder Steins.
Bild: Sitz des Edith-Stein-Museums (2007). Quelle: Konrad Kurzacz,commons.wikimedia.org )
Die Stichting (Stiftung) Dr. Edith Stein in Echt bewahrt das Gedenken durch ein Archiv und die Betreuung von Pilgergruppen. Auf der Webseite www.edithstein.nl/ befinden sich Programme und Vortragstexte der Thementage sowie Buchvorstellungen.
Filmische Bearbeitung
Der Spielfilm „Die Jüdin — Edith Stein“, eine europäische Co-Produktion von 1995, zeigt Maia Emilia Ninel Morgenstern in der Titelrolle. Morgenstern spielte später Jesu Mutter in Mel Gibsons Film „Passion“ und ist heute Direktorin des Jüdischen Staatstheaters in Bukarest. Die ARD strahlte ihn am Vorabend von Steins 107. Geburtstag (1998) aus. Beteiligt an diesem Projekt waren neben einer ungarischen Produktionsgesellschaft auch der Süddeutsche und der Bayerische Rundfunk sowie RAI Uno.
Das Internationale Filmlexikon/Filmdienst stellte dazu fest: „Durch seinen strengen Gestaltungswillen und eine symbolische Bildsprache gelingt es ihm, die geistige Welt Edith Steins zu erschließen und sowohl die politischen als auch die inneren Konflikte zugänglich zu machen. - Sehenswert ab 16.“
Zwei überwältigende künstlerische Darstellungen von Schwester Teresia Benedicta a Cruce im Zusammenhang mit Auschwitz-Birkenau befinden sich hier: https://stbc.es/biografia-de-edith-stein/