Stefan Winckler
Historiker und Buchautor

Martin Mosebach zum 75. Geburtstag
Von Dr. Stefan Winckler 


Der Schriftsteller Martin Mosebach wird am 31. Juli 75 Jahre alt.
Alt? Oder wirkt er nicht vielmehr jung? Der Jubilar zeichnet sich nach wie vor durch eine hohe Produktivität aus: Alleine seit 2020 veröffentlichte er drei Romane: „Krass“, „Taube und Wildente“ und „Die Richtige“.

Hinzu kommen Gedichte, Hörbücher, Drehbücher, Reden und Aufsätze. In Audiobeiträgen offenbart er eine Gelassenheit, mehr noch: eine Weisheit, die im Gegensatz zur scheinbaren Dauererregung des „politisch engagierten“1 Schriftstellers steht, der für die bundesdeutsche Literaturgeschichte so typisch erscheint.
Mosebach ist Frankfurter. Er wurde im Stadtteil Sachsenhausen geboren, lebte als Kleinkind mit den Eltern im benachbarten Königstein im Taunus und seitdem im Frankfurter Westend (abgesehen von einem Aufenthalt in Bonn während des Jura-Studiums).
In Frankfurt sind dank seiner Ortskenntnis viele der Romane angesiedelt, z.B. „Westend“ (Hamburg 1992), die Geschichte zweier Familien in drei Generationen zwischen 1950 und 1968. Mittlerweile liegen mehrere Auflagen und zahlreiche begeisterte Kritiken vor, doch war der Anfang schwierig:
Diesen Roman sieht Mosebach zwar als seinen wichtigsten an – und gesteht gleichzeitig ein, dass es zunächst der erfolgloseste war: „Die Veröffentlichung von »Westend« bedeutete den Tiefpunkt meiner Schreiberlaufbahn. Dieses Buch ist quasi nicht mehr rezensiert worden, ich habe meinen Verlag verloren und nach »Westend« große Schwierigkeiten gehabt, als Schriftsteller überhaupt weiterzumachen“.


Äußerungen zur Kirche


Diese Offenheit kennzeichnet auch den Essayisten Mosebach, der sich im Sinne des kolumbianischen Philosophen Nicolás Gómez Dávila  im „Glauben an die Erbsünde, die Imperfektibilität des Menschen, die Unmöglichkeit, das Paradies auf Erden zu schaffen“ als „Reaktionär“ bezeichnet – außergewöhnlich genug im eher linksorientierten deutschen Kulturbetrieb.
Mit dieser Definition des Reaktionärs sind wir bei Mosebachs Katholizismus angelangt. Sein der Ästhetik geschuldetes Plädoyer für die Wiederzulassung der Alten Messe (Häresie der Formlosigkeit. Die römische Liturgie und ihr Feind, München 2007) sorgte für Aufsehen. Während Mosebach später in Inhalt und Stil Vorbehalte gegenüber Papst Franziskus äußerte, würdigte er Papst Leo XIV. anlässlich dessen ersten Auftritts: traditionelle Papstkleidung, goldenes Vortragekreuz, liturgischer Gruß „Der Friede sei mit Euch“ statt dem „Buonasera“ seines Vorgängers. Am nächsten Tag habe Leo eine „ganz christozentrische Predigt“ über den „Christus des Glaubensbekenntnisses von Nizäa und Konstantinopel“ gehalten. Dementsprechend lobte Mosebach die darauf folgende Ansprache Leos an die Vertreter der orthodoxen Ostkirchen über die „Liturgie von einem Reichtum, einer Schönheit, einem rückhaltlosen Bekenntnis dazu“ in einer „Sprache, wie wir sie schon lange, lange nicht mehr gehört haben“ (vgl. https://de.catholicnewsagency.com/news/19967/bekannter-autor-martin-mosebach-papst-leo-xiv-sendet-klare-botschaft). Seine Gedanken über den Tag hinaus sind dem unten angegebenen Online-Beitrag der Tageszeitung „Freiburger Nachrichten“  aus der Schweiz zu entnehmen.


Rückzug und Erkundung


Selbst eine äußerst knappe Lebensbeschreibung wäre unvollständig ohne Hinweise auf Mosebachs Auslandaaufenthalte (Mosebach: Als das Reisen noch geholfen hat, München 2011). Nicht zufällig schrieb er, der sich als eigentlich „gesellig“ bezeichnet, Teile seiner Romane weit abseits der Heimat (z.B. in einem georgischen Kloster, wo sein Frankfurt-Roman „Was davor geschah“ entstand: Eine Frau will wissen, wie ihr Geliebter vor der Beziehung lebte. Welche Antworten findet der männliche Charakter zwischen Wahrheit und Lüge?).
Der Reportageband „Die 21. Eine Reise ins Land der koptischen Märtyrer “ erscheint als eines der relevantesten Bücher Martin Mosebachs, vielleicht sogar als das wichtigste, jedenfalls, was unsere Fragestellungen und wiederkehrende Themen angeht.  Er führte Gespräche mit den Hinterbliebenen jener entführten orientalischen Christen, die die Terrororganisation „Islamischer Staat“ im Jahre 2015 nahe der libyschen Stadt Sirte ermordet hatte, und bringt zugleich dem Publikum die Koptische Kirche näher. Deren Patriarch Tawadros II. sprach die Opfer eine Woche nach der Hinrichtung als Märtyrer heilig, Papst Franziskus nahm sie in das Römische Martyrologium auf. Bild: Altar der libyschen Märtyrer in Minya, Ägypten. Quelle: 松照庵, commons.wikimedia.org


Stil


Kritiker loben Mosebachs formale Fähigkeiten. In der Rezension zu seinem jüngsten Buch, dem Künstlerroman „Die Richtige“, war in der Süddeutschen Zeitung von einer „malerischen Sprache“ (26.3.2025) zu lesen. „Die Zeit“ fand „neue verblüffende Höhen seiner Schreibkunst erreicht“ (20.3.2025). Marianne Lieder schrieb in der „Welt“ vom 6.2.2021 über den Roman „Krass“: Mosebach spiele „raffiniert mit selbstparodistischen Momenten und Figurenprosa“, er scheine „konservative Töne und Stilmerkmale gleich selbst auf die Schippe zu nehmen. Erzählerisch konventionell, wie der immer wieder gehörte Vergleich des Autors mit Thomas Mann nahelegt, ist hier gleich gar nichts“.
Ähnliche Charakterisierungen des Mosebachschen Stils finden sich zuhauf und sind unter https://www.perlentaucher.de/autor/martin-mosebach.html nachzulesen. Vergleiche mit Heimito von Doderer werden gezogen, zumal Mosebach diesen österreichischen Schriftsteller (1896 bis 1966) besonders schätzt.


Auszeichnungen


Schon 1980 erhielt er den Literaturförderpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung, später den Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, den Georg-Büchner-Preis (den „Zeit“-Autor Ulrich Greiner im Zusammenhang mit Mosebach als den „wichtigsten deutschen Literaturpreis“ bezeichnete), die Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt und viele weitere mehr (vgl. Wikipedia: Martin Mosebach).


Quellen und Literatur

Martin Mosebach: Die 21. Eine Reise ins Land der koptischen Märtyrer. Reinbeck: Rowohlt, 2018

Ein Interview vom 15.6.2025: https://freiburger-nachrichten.ch/story/226605/papst-leo-xiv-könnte-die-kirche-heilen


Reden von und Gespräche mit Martin Mosebach sind unter: youtube, Martin Mosebach abrufbar, darunter auch zu „Die 21“.
Sehr ausführlich sind gerade auch die Wikipedia-Beiträge über Mosebachs Werke.

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