Stefan Winckler
Historiker und Buchautor

Belgien

Wie gut kennen wir das eigene Land, wie gut sind wir mit unseren Nachbarländern vertraut?
Belgien jedenfalls ist den meisten Deutschen fremd. Bei einer repräsentativen Erhebung des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Dezember 2022 erklärten nur zwei Prozent der befragten 2048 erwachsenen Deutschen das Königreich zum „sympathischsten Nachbarland“. Das bedeutete: neunter und letzter Platz. Das ist nichts Neues: So schrieb der Journalist Klaus Besser (1) im noch immer lesenswerten Merian Belgien (1980) vom „unbekannten Nachbarn“. Ähnlich sein viel jüngerer Kollege Thomas Philipp Reiter (2016): „Obwohl Belgien zu den Top Ten der deutschen Außenhandelspartner gehört, sind Belgier und Deutsche auf fast allen anderen Gebieten einander mit herzlicher Nichtbeachtung zugeneigt. Deutsche wissen wenig über das Königreich, das gleich hinter Aachen beginnt“2 Hier wollen wir, soweit es ein Bildband vermag, durch Information entgegenwirken und dazu einladen, Belgien zu „entdecken“ oder die Kenntnisse über dieses Land zu vertiefen.
Wir möchten aber noch mehr:
Wir wenden uns an ein Publikum in Belgien und an alle, die in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden das „heilige Belgien“ näher kennenlernen möchten. Daher erscheint dieses Buch in den drei Sprachen Belgiens und seiner Nachbarn: Niederländisch, Französisch und Deutsch.  Zwar liegen zahlreiche Veröffentlichungen über die oft malerischen Altstädte und historischen Bauten vor. Nur ein Beispiel: Die Gemälde von Peter Paul Rubens und Antoon van Dyck aus Antwerpen sowie der Wallonen René Magritte und Paul Delvaux gehören zu den herausragenden Leistungen der bildenden Kunst Westeuropas.
Wir zeigen daher nicht das Übliche, sondern eine Auswahl an herausragenden Kirchen, Klöstern, Wallfahrtsorten sowie einen Soldatenfriedhof des Ersten Weltkriegs. Dazu erklären wir die Hintergründe. Ziel ist es, im europäisch-abendländischen Geist über Landes- und Sprachgrenzen verbindend zu wirken.


Geschichtliche Eckdaten


Auch wenn die Kirche viel an Bindungskraft verloren hat: Belgien ist traditionell ein katholisches Land. Als Teil der Burgundischen Niederlande gelangte das Land zwischen Eifel und Nordsee im Jahre 1477 an die Habsburger: Ab 1555 herrschte die spanische, ab 1714 die österreichische Linie des Hauses. Die katholische Konfession genoss den Status einer Staatsreligion. Der Wiener Kongress fügte Flandern und die Wallonie zum Königreich der Vereinigten Niederlande („Holland“), wo die Niederländisch-Reformierte Landeskirche eine privilegierte Stellung einnahm. Waren da nicht Konflikte programmiert?
Nach nur 15 Jahren spalteten sich die flämischen und wallonischen Provinzen ab, um als eigenständiges Land namens Royaume de Belgique3 die europäische Bühne zu betreten, denn die Bevölkerung fühlte sich durch den Norden benachteiligt. Ein Bündnis aus Katholiken und Liberalen begünstigte diese Revolution im Jahre 1830.
Der „Baedeker“ nennt für das Jahr 1878 die erstaunlich hohe Zahl von 453 Klöstern (3.000 Mönche, 12.000 Nonnen)4. In der Gegenwart ist die römisch-katholische Kirche die mit  weitem Abstand größte Religionsgemeinschaft.
Literatur und bildende Kunst – ein Ausschnitt
Nicht überraschend: Der Katholizismus hinterließ markante Spuren in der flämischen Literatur. Felix Timmermans (1886 bis 1947) setzte der Heimat Flandern in seinem erzählerischen Werk ein Denkmal. In dem Roman „Pallieter“ schildert er die derbe Lebenslust der Hauptfigur inmitten einer Naturidylle am Fluss Nete – der Glaube ist allgegenwärtig und selbstverständlich. Mit „Das Jesuskind in Flandern“ verlegte er die Weihnachtsgeschichte in die gleiche Gegend, weitere Schauplätze sind Gent und die Schelde.  Bezeichnenderweise existierte in seinem Geburtsort Lier zwischen 1236 und 1797 eine Zisterzienserinnenabtei namens „Abdij Onze-Lieve-Vrouw van Nazareth“: ein Name, der sicher zu Timmermans' Version der  Weihnachtsgeschichte beitrug.
Timmermans betrat mit der Weihnachtsgeschichte in Flandern kein künstlerisches Neuland. Er bekannte, die Gemälde Pieter Bruegels des Älteren hätten ihn angeregt. Dieser Vertreter der Niederländischen Renaissancemalerei übertrug z.B. den „Bethlehemitischen Kindermord“, die „Volkszählung in Bethlehem“ und die Drei Weisen aus dem Morgenland („Anbetung der Könige im Schnee“) in winterliche flämische Dörfer der frühen Neuzeit. Bruegel verstarb in Brüssel am 9. September 1569 und ist dort in der Kirche Unserer Lieben Frau5 zur Kapelle bestattet.
Beginen und Mystikerinnen
Flandern ist die Ursprungsregion der in West- und Mitteleuropa an vielen Orten wirkenden Beginen: einer christlichen Laiengemeinschaft von Frauen, die sich v.a. der Sterbebegleitung und der Krankenpflege widmeten. Ihre Blütezeit war das 14. Jahrhundert, und noch im 20. Jahrhundert kamen sie in Belgien vor: 1941 zählte alleine der Beginenhof in Gent 150 Frauen.  Die letzte Begine Marcella Pattyn verstarb in Kortrijk, Westflandern im Jahre 2013. 6
Das Leben der Beginen war von Armut, Keuschheit, Gehorsam und regelmäßigem Gebet gekennzeichnet, doch legten sie kein Gelübde ab, lebten nicht in Klausur und konnten die Gemeinschaft auch für immer verlassen (sogar um zu heiraten).  Ihre autonomen „Höfe“ bestanden meist aus Wohnhäusern, Gemeinschaftsräumen und einer Kapelle, getrennt von der Stadt. Die UNESCO nahm 13 der 26 erhaltenen Beginenhöfe Belgiens in ihre Weltkulturerbe-Liste auf. 7
Im 13. Jahrhundert war das heutige Belgien ein Zentrum der Frauenmystik:  Die erste Priorin des Klosters in Lier, die Selige Beatrijs von Nazareth, geboren in Thienen (Bezirk Löwen) um 1200, war eine der ersten und wichtigsten Vertreterinnen, zusammen mit Hadewijch von Antwerpen, der Seligen Ida von Nivelles, die Heilige Juliana von Lüttich, die Begine Marguerite von Porete (aus dem Hennegau) und der Heiligen Lutgard von Tonger(e)n. Diese Frauenmystik berief sich auf Visionen von einer Annäherung, ja spirituellen Vereinigung mit Christus, unabhängig von Gemeindepriestern und Orden. Die theologischen Leistungen verdienen Respekt, doch waren die Mystikerinnen durch ein Lehrverbot für Frauen gehindert, ihre Aussagen weiterzuverbreiten. Ein Ausweg war es, ihre Thesen auf Visionen zurückzuführen, also auf göttliche Offenbarung.
Eine Vision Julianas bewog die Kirche, das Fest Fronleichnam zunächst im Bistum Lüttich und 1264 in der gesamten katholischen Welt einzuführen.
Hauptwerk Marguerites war die umfangreiche Schrift „Der Spiegel der einfachen Seelen“8: eine allegorisch geformte Diskussion von „Tugend“, „Verstand“, „Seele“ und „Liebe“. Als Marguerite einen Kompromiss verweigerte, ließ der Bischof von Chambrais zuerst diesen „Miroir“ verbrennen, vier Jahre später (1310) verurteilte die Inquisition in Paris die Verfasserin als „rückfällige Ketzerin“ zum Tode auf dem Scheiterhaufen. Die weltliche Obrigkeit vollstreckte.


1  Klaus Besser (1919 bis 1995), der – selten genug – von der Chefredaktion der Gewerkschaftszeitung „Welt der Arbeit“ zur Restaurantkritik wechselte („Besser essen mit Klaus Besser“), nahm 1965 seinen Zweitwohnsitz in Brüssel, was angesichts der hochwertigen belgischen Küche und der zahlreichen Feinschmeckerlokale nachvollziehbar erscheint.

2    Reiter, Thomas Philipp: Unser belgisches Leben. Brüssel 2016, S. 39.

3 Niederländisch:  Koninkrijk Belgie. Niederländisch wurde erst 1898 vollständig gleichberechtigte Amtssprache.

4 Baedeker 1878, a.a.O., S. 11.

5 Notre Dame und Onze-Lieve-Vrouw, zu deutsch: Unsere Liebe Frau sind auffallend häufige Kirchennamen in Belgien. Sie werden uns in diesem Buch noch oft begegnen.

6 Vgl. Marcella Pattyn – Wikipedia

7 Schätze der Welt: Beginenhöfe in Flandern, Belgien, Folge 223 (ardmediathek.de)

8 Zuletzt in dt. Sprache veröffentlicht: Wiesbaden 2012. Einführung und teilweise Wiedergabe: Der Spiegel der einfachen Seelen - Google Books ; Zu Marguerite: Marguerite Porete – Wikipedia



© Stefan Winckler

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