Stefan Winckler
Historiker und Buchautor

Ypern - Ort des Gedenkens und der Mahnung zum Frieden


Die einstige Hansestadt Ypern (flämisch: Ieper) in Westflandern war zusammen mit Brügge und Gent ein bedeutender spätmittelalterlicher Handelsort – dank der Leinenherstellung. Der Kunsthistoriker Henri Hymans, geboren in Antwerpen, schildert das alte Ypern im Jahre 1900 wie folgt: 
"An jeder Straßenecke fesseln malerische Häusergruppen unser Auge und fordern Stift und Pinsel geradezu heraus. Hier locken uns krumme Gäßchen zu monumental aussehenden Säulengängen oder öffnen sich plötzlich, um uns einen Blick auf originelle, höchst reizvolle Motive zu gewähren, während dort, im Schatten der Kirchen, auf weiten, von Bäumen eingesäumten Plätzen sich lange Häuserreihen hinziehen, deren Dächer so wunderlich gestaltet, so vielfach verschnörkelt erscheinen, daß ihre überraschende, unregelmäßige Silhouette den Beschauer ganz aus der Fassung bringt und zugleich entzückt" (a.a.O., S. 71). 
Das alte Ypern bestand nur 18 Jahre später ebensowenig wie das alte Wesel oder Düren im Jahre 1945. Das malerische 17.000-Einwohner-Städtchen war in den vier Flandernschlachten des Ersten Weltkriegs so stark verwüstet worden, dass Winston Churchill vorschlug, die Ruinenfläche als Mahnmal wie eine Art belgisches Pompeji stehen zu lassen, zum Gedenken an die dort eingesetzten und gefallenen Massen von britischen Soldaten. Was an der Westfront geschah, sei es in bezug auf die Soldaten in den Gräben oder die ausgebrannten Gebäudereste in dieser Kleinstadt, war weit jenseits dessen, was sich ein Mensch vor 1914 vorstellen konnte. 
In der zweiten Flandernschlacht im April 1915 setzte Deutschland erstmals Chlorgas als Waffe ein. Nach wie vor werden Gasgranaten gefunden. Im weiteren Kriegsverlauf antwortete Großbritannien ebenfalls mit Lungenkampfstoffen. Die dritte, mehr als drei Monate andauernde Flandernschlacht von 1917 verdient zusätzlich wegen der Meutereien in der französischen Armee Beachtung. 
Noch immer werden jährlich die Überreste von 40 bis 50 Gefallenen bei Bauarbeiten entdeckt und zeremoniell bestattet. Bis zu 100.000 tote Soldaten der beteiligten Völker werden in der Erde um Ypern vermutet.
Die Stadt erlebte in den zehn Jahren nach dem Ersten Weltkrieg ihre Auferstehung. Doch die Restaurierung der Lakenhal - zu deutsch: Tuchhallen - war erst im Jahre 1967 abgeschlossen. Heute zählt Ypern rund 35.500 Einwohner. 
Jeden Abend um 20.00 Uhr bläst die Feuerwehrkapelle das Signal „Last Post“ zum Gedenken an die britischen Gefallenen und Vermissten unter dem Menenpoort, dem monumentalen Gedenktor von 1927. Dies geschieht bereits seit 1928, unterbrochen von der deutschen Besatzung 1940 bis 1944. In diesem Ehrenbogen sind die Namen von 54.896 Vermissten der Flandernschlachten von 1914, 1915 und 1917 eingemeiselt.
Papst Johannes Paul II. erklärte bei seinem Besuch in Ypern am 17. Mai 1985:  „Diese Stadt, mitten auf dem Schlachtfeld des Ersten Weltkriegs [ist] zum Symbol für das immense Leid geworden, das der Krieg verursacht hat, und gleichzeitig zum Symbol für Wiederaufbau und Frieden. Ihre Stadt ist daher auch der ideale Ort, um mit ihnen über Frieden zu sprechen (…)“. Er sei als Pilger des Friedens nach Ypern gekommen. (1)

Nur wenige Kilometer nördlich von Ypern liegt das Dorf Langemark, 1914 zerstört und wieder aufgebaut. „Langemark“ (im Deutschen seinerzeit oft mit ck geschrieben) steht für einen besonders verlustreichen Angriff unerfahrener deutscher Regimenter. 

Sting veröffentlichte 1985 ein Lied, in dem er die Schlachten des Ersten Weltkriegs mit dem hochmittelalterlichen Kinderkreuzzug und dem Rauschgiftmarkt der Gegenwart verglich, wo skrupellose Hintermänner Teile der jungen Generation für eigennützige Zwecke opfern („Children's Crusade“).

Rund 500.000 Touristen besuchen pro Jahr Ypern. Häufig kommen sie aus Großbritannien und den Commonwealth-Ländern, weit seltener aus Deutschland.


1  Solenne celebrazione a Ieper, Omelia di Giovanni Paolo II, 17 maggio 1985 | John Paul II (vatican.va)  


Der Grote Markt mit Tuchhalle und St. Martin im Hintergrund. Es dauerte ungefähr 100 Jahre (das ganze 13. Jahrhundert), die Tuchhallen als verwinkelten Gebäudekomplex von 132 Meter Länge zu bauen - und 100 Stunden, um sie durch Granatfeuer abzubrennen. Der verantwortliche General Berthold von Deimling handelte dabei ohne militärischen Grund und gegen die ausdrückliche Weisung seines Oberbefehlshabers Rupprecht von Bayern, der darüber höchst erzürnt war. 




(Anti-)Kriegsmuseum in der Tuchhalle: Flanders Fields Museum. Carillon im 70 Meter hohen Glockenturm (Belfried) der Tuchhalle




Stadtpfarrkirche St. Martin, auch als Kathedrale bezeichnet. Nach dem Großen Krieg wurde sie nach alten Plänen neu gebaut. 










Menenport, Innenansicht



Das militärische Signal "Last Post" (mehr unter: https://de.wikipedia.org/wiki/The_Last_Post) wird gespielt. Das Tor war wegen Renovierungsarbeiten verhüllt und konnte daher nicht fotografiert werden. 



Französischer Soldatenfriedhof





Britischer Soldatenfriedhof



Langemark, deutscher Soldatenfriedhof. Hier liegen rund 44.300 Gefallene in Einzel- und Gemeinschaftsgräbern. Gefallenen, die auf mittlerweile aufgelösten anderen westflämischen Soldatenfriedhöfen bestattet waren, fanden hier ihre letzte Ruhe. Der Soldatenfriedhof Langemark gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe, zusammen mit anderen Grab- und Gedenkstatten der Westfront 1914/18.  Der Befehlshaber des Langemark-Angriffs und des Chlorgaseinsatzes war wiederum General Berthold von Deimling, dessen Ruf in der eigenen Armee binnen kurzer Zeit ruiniert war. 

Insgesamt sind wohl ca. 134.000 deutsche Kriegstote in Belgien während des Ersten Weltkriegs zu beklagen. Das Königreich selbst erlitt unermessliche Zerstörungen v.a. in Westflandern. Ein weiteres Symbol für den Horror des Krieges ist die zweimal (1914, 1940) zerstörte Universitätsbibliothek von Löwen/ Leuven. 






Oben: 
Langemark: Gedenkstelen studentischer Korporationen






















Eine Beschreibung von Ypern vor dem Ersten Weltkrieg auf 43 Seiten mit 50 Fotos bietet Henri Hymans: Brügge und Ypern. Leipzig und Berlin, 1900, S. 64-114, online: 

https://www.google.de/books/edition/Brügge_und_Ypern/3hMtAAAAYAAJ?hl=de&gbpv=1&dq=ypern&pg=PT2&printsec=frontcover

Kirsten Zirkel: Vom Militaristen zum Pazifisten: Politisches Leben und Wirken des Generals Berthold von Deimling vor dem Hintergrund der Entwicklung Deutschlands vom Kaiserreich zum Dritten Reich. Online: https://docserv.uni-duesseldorf.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-3519/1519.pdf

https://de.wikipedia.org/wiki/Ypern     Mit Bildern der Kriegszerstörungen




© Stefan Winckler

E-Mail
Anruf
Infos