Stefan Winckler
Historiker und Buchautor

Ypern - Ort des Gedenkens und der Mahnung zum Frieden


Die einstige Hansestadt Ypern in Westflandern war zusammen mit Brügge und Gent ein bedeutender spätmittelalterlicher Handelsort – dank der Leinenherstellung. Die Stadt mit ihrer wieder aufgebauten Tuchhalle (Lakenhal, 132 Meter lang und heute das wohl beste Kriegsmuseum Belgiens) und der ebenfalls rekonstruierten Stadtpfarrkirche St. Martin war in den vier Flandernschlachten des Ersten Weltkriegs so stark verwüstet worden, dass Winston Churchill vorschlug, die Ruinenfläche als Mahnmal wie eine Art belgisches Pompeji stehen zu lassen, zum Gedenken an die Massen von britischen Soldaten. Doch Ypern erlebte in den zehn Jahren nach dem Ersten Weltkrieg seine Auferstehung im ursprünglichen gotischen Stil. Noch immer werden jährlich die Überreste von 40 bis 50 Gefallenen bei Bauarbeiten entdeckt und zeremoniell bestattet. Bis zum 100.000 tote Soldaten der beteiligten Völker werden in der Erde um Ypern vermutet. (1)
In der zweiten Flandernschlacht im April 1915 setzte Deutschland erstmals Chlorgas als Waffe ein. Nach wie vor werden Gasgranaten gefunden. Im weiteren Kriegsverlauf antwortete Großbritannien ebenfalls mit Lungenkampfstoffen. Die dritte, mehr als drei Monate andauernde Flandernschlacht von 1917 verdient zusätzlich wegen der Meutereien in der französischen Armee Beachtung.
Nur wenige Kilometer nördlich von Ypern liegt das Dorf Langemark, 1914 zerstört und wieder aufgebaut. „Langemarck“ steht für einen besonders verlustreichen Angriff unerfahrener deutscher Regimenter. Entgegen dem Mythos von Langemarck war es jedoch nie „süß“ für das Vaterland zu sterben.
Jeden Abend um 20.00 Uhr bläst die Feuerwehrkapelle das Signal „Last Post“ zum Gedenken an die britischen Gefallenen und Vermissten unter dem Menenpoort, dem Gedenktor. Dies geschieht bereits seit 1927, unterbrochen von der deutschen Besatzung 1940 bis 1944.
Der Musiker Sting veröffentlichte 1985 ein Lied, in dem er die Kämpfe des Ersten Weltkriegs mit dem hochmittelalterlichen Kinderkreuzzug und dem Rauschgiftmarkt der Gegenwart verglich, wo skrupellose Hintermänner Teile der jungen Generation für eigennützige Zwecke opfern („Children's Crusade“).
Johannes Paul II. erklärte bei seinem Besuch in Ypern am 17. Mai 1985:  „Diese Stadt, mitten auf dem Schlachtfeld des Ersten Weltkriegs [ist] zum Symbol für das immense Leid geworden, das der Krieg verursacht hat, und gleichzeitig zum Symbol für Wiederaufbau und Frieden. Ihre Stadt ist daher auch der ideale Ort, um mit ihnen über Frieden zu sprechen (…)“. Er sei als Pilger des Friedens nach Ypern gekommen.1
Rund 500.000 Touristen besuchen pro Jahr Ypern, häufig kommen sie aus Großbritannien und den Commonwealth-Ländern.
Die Provinz Westflandern zählt Jahr für Jahr rund zwölf Millionen Übernachtungen.

1  Solenne celebrazione a Ieper, Omelia di Giovanni Paolo II, 17 maggio 1985 | John Paul II (vatican.va)  


Tuchhalle mit Kathedrale im Hintergrund. Die Tuchhalle aus dem späten Mittelalter wurde im Ersten Weltkrieg sehr stark zerstört und später bis 1967 wieder aufgebaut. Sie beherbergt das Museum über den Ersten Weltkrieg. Die Tuchhalle ist 132 Meter lang. 




(Anti-)Kriegsmuseum in der Tuchhalle



Stadtpfarrkirche St. Martin, auch als Kathedrale bezeichnet. Nach dem Großen Krieg wurde sie nach alten Plänen neu gebaut. 







Last Post


Französischer Soldatenfriedhof




Britischer Soldatenfriedhof


Langemark, deutscher Soldatenfriedhof



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