Tancrémont: ein außergewöhnliches altes Kruzifix
Literatur:
https://etnunc.blogspot.com/2013/10/der-alte-herrgott-von-tancremont.html
Banneux: Wallfahrtsort bei Lüttich
Wir haben eingangs die Mystikerinnen des Hochmittelalters erwähnt. Der Glaube, eine Offenbarung empfangen zu haben, beschränkt sich nicht auf das Mittelalter. Aus Belgien im 20. Jahrhundert werden Marienerscheinungen berichtet.
Die damals elfjährige Mariette Beco aus Banneux sagte aus, die Muttergottes sei ihr hier achtmal zwischen Januar und März 1933 erschienen, und habe die Menschen aufgefordert, „viel zu beten“. Im gleichen Jahr wurde eine Kapelle gebaut. Auffallend die Parallele zu Beauring, wo Kinder fast ganau zur gleichen Zeit von Marienerscheinungen sprachen.
Mariette Beco hielt zeitlebens an ihrer Aussage fest, auch als ihr Ablehnung entgegenschlug und ihr ein lukrativer Widerruf nahegelegt wurde. Sie heiratete, zog ihre drei Kinder auf und verstarb nach schweren Krankheiten mit 90 Jahren.
Eine erste Diözesankommission hörte 73 Zeugen und befragte zahlreiche Ärzte, Theologen, Historiker und Kirchenrechtler. Zwei weitere Kommissionen erörterten die Aussagen des Mädchens. Der Lütticher Bischof Louis-Joseph Kerkhofs erkannte im Jahre 1949 die Erscheinungen an, nachdem er anfängliche Vorbehalte überwunden hatte. Der Vatikan folgte 1952.
Die grenznahen Dörfer Moresnet, Tancrèmont und Banneux führen vor allem (aber nicht nur) Besucher aus Belgien, Niederlanden und Deutschland zusammen. 1956 konnten zwei Geistliche aus Banneux Bundeskanzler Konrad Adenauer als Unterstützer gewinnen. Der gläubige Katholik trat der Gebetsvereinigung für den Weltfrieden, die zuvor in Banneux gegründet worden war, bei. Der Name der den deutschen Pilgern zugedachten Michaelskapelle geht auf eine Anregung Adenauers zurück, denn St. Michael gilt traditionell als Patron der Deutschen. Die Kapelle ähnelt einer Kapelle in Adenauers Wohnort Rhöndorf, und die Glocke trägt den Namen „Konrad Maria“. Er hat sie gestiftet. (1) Was die deutsch-belgischen Beziehungen angeht, so war Adenauer ein bedeutender Schrittmacher nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Staatsbesuch des 80-Jährigen in Brüssel 1956 setzte unter die grausamen Phasen der Vergangenheit samt ihren Folgen einen Schlussstrich. Er lobte den guten Willen auf belgischer Seite. Die deutsche Delegation habe seitens der belgischen Regierung und dem belgischen Volke eine ausgezeichnete Aufnahme gefunden. „Es herrschte eine sehr herzliche und freundschaftliche Atmosphäre“, so der deutsche Regierungschef.(2)
Die Anziehungskraft einer solchen Stätte der Völkerbegegnung und -verständigung in Banneux geht weit über die Rhein-Maas-Region hinaus: So sahen wir am 11. Mai 2024 Tausende Inderinnen und Inder, singend und musizierend.
Johannes Paul II. besuchte Banneux auf seiner ersten Papstreise nach Belgien am 21. Mai 1985. Anlässlich der Eucharistischen Feier führte er aus:
„Heute sind wir alle Gäste der Muttergottes, unserer Lieben Frau von Banneux. Seit mehr als fünfzig Jahren gibt es nicht nur die Kranken, sondern auch die große Bevölkerung der heutigen Armen – es gibt viele Arten, arm zu sein! – Sie fühlen sich in Banneux zu Hause. Sie kommen hierher, um in ihrer Prüfung Trost, Mut, Hoffnung und die Vereinigung mit Gott zu suchen (…)“. Dabei grüßte er „von ganzem Herzen die Gläubigen der deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens, die in großer Zahl mit ihren Pfarrern hierher gekommen sind“.
Rechtzeitig zum Papstbesuch wurde die architektonisch schlichte, modern-funktionale Kirche der Jungfrau der Armen fertiggestellt. Sie fasst rund 5.000 Besucher. Darüber hinaus existieren mehrere sehr geräumige Kapellen. Die Gläubigen drängen sich insbesondere in der kleinen Erscheinungskapelle und an der Quelle, an der Mariette Beco am 18. Januar 1933 die Worte Mariens zu hören glaubte: „Diese Quelle ist mir vorbehalten, taucht Eure Hände in das Wasser“. Einen Tag später vernahm sie den Satz „Diese Quelle ist für alle Nationen, für die Kranken“.
1 Vgl. Kapelle St. Michael und Glockenturm in Banneux (konrad-adenauer.de)
2 NDR Retro – Aus Politik und Gesellschaft · Staatsbesuch in Belgien: Ansprache von Konrad Adenauer · Podcast in der ARD Audiothek
Brunnen und Brunnenstatue mit indischen Pilgern
Erscheinungskapelle
Banneux, Haus der Familie Beco
Banneux, Franziskuskapelle
Kirche der Jungfrau der Armen
Michaelskapelle
Banneux, Krankenhospiz
Banneux, Esplanade
Siehe auch:
https://banneux-nd.be/de/
Beauraing
In Beauraing (wallonisch: Biarin), im äußersten Süden gelegen, beschrieben fünf Kinder im Alter zwischen neun und 15 Jahren vom 29. November 1932 bis zum 3. Januar 1933 ganze 33 Marienerscheinungen. Sie sagten aus, Maria habe sich als die unbefleckte Jungfrau vorgestellt und um den Bau einer Kapelle gebeten. Sie habe ihnen aufgetragen, viel zu beten – eine Parallele zu Banneux! Die zeitliche Nähe fällt auf – Ende 1932 hier, Anfang 1933 da: weit verbreitete Armut während der Weltwirtschaftskrise, Hitlers Aufstieg in Deutschland, die Hungerkatastrophe (Holodomor) in der Ukraine.
Im Jahre 1949 erkannte der zuständige Bischof von Namur, André Marie Charue in diesem Zusammenhang zwei Wunderheilungen an. Dies war eine der vorläufig letzten kirchlich-offiziellen Anerkennungen einer Marienerscheinung in Europa, denn Aussagen darüber werden kirchlicherseits stets sehr kritisch überprüft. Eine Kapelle wurde 1954 geweiht.
Die moderne Kirche, mit viel Glas ausgesprochen hell und transparent und damit im Gegensatz zur Kapelle, aus den Jahren 1963 bis 1968 mit einem Fassungsvermögen von mehr als 2.000 Personen trägt den von Benedikt XVI. verliehenen Titel einer Basilica minor.
Johannes Paul II. feierte hier am 18. Mai 1985 die Eucharistie. In seiner Predigt würdigte er Beauraing:
„Seit mehr als fünfzig Jahren ist dieser Ort zu einem wichtigen Zentrum der Marienwallfahrt für ganz Belgien und die Nachbarländer geworden, zu einem privilegierten Ort des Gebets und der Erneuerung, an dem die Gläubigen in besonderer Weise die Gegenwart Marias, der unbefleckten Jungfrau, der Königin des Himmels, und ihre machtvolle Fürsprache für die Bekehrung der Sünder spüren“.
Seit April 2015 befindet sich in Beauraing eine Reliquie: ein Stück des blutbefleckten Gewands, das Johannes Paul II. während des Attentats am 13. Mai 1981 trug.
Im Jahre 2019 kamen 85.000 Pilger nach Beauraing.
Blick auf die Kapelle
Gang in der Kapelle
In der alten Kirche
Blick auf die neue Kirche
Online: https://sanctuairedebeauraing.be/decouvrir-le-sanctuaire/
Orval
Im „Goldenen Tal“: Abtei Orval
Es ist in der Tat ein besonderer Ort, idyllisch inmitten eines Waldgebiets gelegen, mit einem See dicht neben des Abteigeländes. Mit anderen Worten: eine Stätte des Rückzugs und der Besinnung.
Der Gründungslegende zufolge verlor eine Besucherin, Gräfin Mathilde von Tuszien (1046 bis 1115), während der Jagd ihren Ehering im Wasser einer Quelle. Eine Forelle nahm den Ring auf und trug ihn in ihrem Maul an die Oberfläche. Mathilde sah dies als Wunder, sprach die Worte „Das ist ein goldenes Tal“ (Val d'Or) und stiftete dankbar ein Kloster.
Anno Domini 1070 gründeten Mönche aus Süditalien eine Niederlassung. Sie verließen es nach 40 Jahren wieder. Kanoniker (eine örtlich gebundene Gruppe von Weltgeistlichen) übernahm die Stätte, traten in den Zisterzienserorden ein und gewannen sieben weitere Ordensbrüder. Das war der Beginn des Klosterlebens.
1793 plünderten französische Truppen die Anlage, die Mönche mussten fliehen. Die teilweise zerstörten Gebäude sind noch immer zu sehen.
Zu einer Neubesiedlung und Neubebauung kam es erst im Jahre 1926 durch Trappisten, die auf den erhaltenen barocken Kellern das Kloster neu aufbauten. Zisterziensermönche, die die Regel des heiligen Benedikt besonders rigide auslegen (Zisterzienser der strengeren Observanz) heißen Trappisten, benannt nach dem Kloster La Trappe in Frankreich.
Wenig später (1932) begannen sie mit der Bierproduktion. Auf der ganzen Welt existieren nur zehn Brauereien, in denen die Herstellung in den Händen der Trappistenmönche (eventuell mit weiteren Angestellten) liegt; sechs davon sind in Belgien. Als eine von ihnen darf Orval seine Biere als Authentic Trappist Product bezeichnen. D.h. sie sind in einer Trappistenbrauerei hergestellt, die Mönchsgemeinschaft ist direkt an deren Verwaltung beteiligt und ein wesentlicher Teil der Einnahmen muss Sozialwerken gewidmet sein.
Das bernsteinfarbene, relativ herbe Bier aus Orval mit seinen 6,2 Prozent Alkohol fällt zuerst durch seine massive Kohlensäure und die starke Schaumbildung auf. In der Flasche steigt der Alkoholgehalt mit der Zeit auf bis zu 7,2 Prozent. Kenner empfehlen eine Trinktemperatur von 12 bis 14 Grad. Der Ausstoß dieser mittelgroßen Trappisten-Brasserie beläuft sich laut deren Homepage auf 22 Millionen Flaschen.
Orval ist Standort einer Fromagerie, deren Produkt in Belgien und Frankreich verkauft wird: ein milder Hartkäse auf der Basis von pasteurisierter Kuh-Vollmilch aus der umliegenden historischen Landschaft Gaume. Im Klosterladen ist er in Blöcken von etwas mehr als zwei Kilogramm Gewicht erhältlich. Sein Rezept stammt von Trappisten der französischen Abtei Port du Salut aus dem Jahre 1816. In Orval wird der Käse seit 1928 hergestellt. Auch er trägt das Gütesiegel: Authentic Trappist Product.
In Belgien bestehen sechs Trappistenklöster, in den Niederlanden drei, in Deutschland keines mehr.
Wer eine weitere Abteiruine besichtigen möchte, sei auf Villers-la-Ville in der Provinz Wallonisch-Brabant hingewiesen. Dort gründete der Kirchenlehrer und Heilige Bernhard im Jahre 1146 ein Filialkloster der Zisterzienser-Abtei Clairvaux. Im 13. Jahrhundert erlebte die Abtei in kultureller und wirtschaftlicher Hinsicht ihre Blütezeit: Sie zählte rund 400 Mönche und verfügte über einen Landbesitz von mehr als 10.000 Hektar bis vor die Tore von Antwerpen. Im 16. Jahrhundert zwangen die Krisen und Kriege die Klosterbrüder mehrfach zur Flucht, wähend sie im 18. Jahrhundert die Anlage prächtig im Rokoko-Stil ausbauten. Die Französischen Revolutionskriege führten zur Aufhebung der Abtei, deren Bauten zum Abbruch freigegeben wurden und immer mehr verfielen.
Seit 1992 ist der Komplex offiziell als außergewöhnliches Kulturerbe der Wallonie eingestuft.
Alljährlich besuchen rund 160.000 Besucher die riesige Anlage. Neben den steinernen Zeugen aus dem zweiten Jahrtausend sind mehrere Heilpflanzengärten nach mittellaterlichem Muster und mit den Kräutern der heutigen Zeit, dem Ziergarten im französischen Stil und dem Apothekergarten aufzuführen, dazu ein Duftgarten mit Meditationspfad, der zur Kapelle Sant-Bernard führt.
Der einstige Weinberg, im Jahre 1312 angelegt, wurde 1990 reaktiviert. Er umfasst rund eintausend Rebstöcke auf einer Fläche von 20 Hektar. Es ist wohl überflüssig, zu sagen, dass belgischer Wein eine Rarität darstellt (2023: 891 Hektar landesweit), selbst wenn sich die landesweite Rebfläche in den letzten 20 Jahren mehr als verzehnfacht hat.
In der imposanten Kirchenruine finden jährlich über 80 Veranstaltungen statt. Musikaufführungen wie die „Carmina Burana“ mit einhundert Künstlern am 8. Juni 2024, eine Meditationsnacht am 19. Mai und die Bühnenaufführung des Prozesses gegen Jeanne d'Arc am 11. Juli 2024 sind nur drei Beispiele. Darüber hinaus nahm Rocksänger David Hallyday im Jahre 2023 das Video zu seinem Lied „Requiem pour un fou“ inmitten der Ruinen von Villers-la Ville auf.
Aus dem Städtchen Villers-la Ville, Ortsteil Tilly, stammte der kaiserliche Feldherr Johann T'serclaes von Tilly (1559 bis 1632), einer der katholischen Heerführer im Dreißigjährigen Krieg.
Orval See
Die Forelle mit dem Ring
Eingang
Innenhof
Klostergarten
Museum
Klosterkirche
Vom Ausgang geht der Blick zu den Wirtschaftsgebäuden
Das Bier aus Orval
Weitere Informationen:
https://www.orval.be/fr/
Maredsous
Die neugotisch gestaltete Benediktinerabtei Maredsous unweit von Namur und Charleroi feierte im Jahre 2022 ihr 150jähriges Bestehen. Im Jahre 1872 kamen Mönche aus der südwestdeutschen Erzabtei Beuron in die idyllische Landschaft der südlichen Wallonie, um das Ordensleben der Benediktiner wiederaufzubauen, dessen Abbruch die Französische Revolution erzwungen hatte.
Die Webseite der Abtei enthält interessante Informationen über Benediktiner und das Klosterleben im Allgemeinen: Wie wird ein junger Mann Mönch? Wie sieht der Tagesablauf eines Mönchs aus?
Maredsous ist Sitz einer Mikrobrauerei, in der die Brauerei Duvel Moortgat vier Biersorten unter Lizenz und Aufsicht der Abtei erzeugt. Bier ist immaterielles Kulturgut Belgiens. Es ist umstritten, wie viele Brauereien es im Königreich gibt. Mixology nennt 160, Wikipedia listet 177, Belgische-bieren.be 280 Brauhäuser auf.
Eine Distillerei erzeugt Gin, Whisky und andere Spirituosen. Die Käserei, von den Mönchen gegründet und anfangs geleitet, gehört heute dem Bel-Konzern. Zwar wird der kräftig-pikant schmeckende Käse an anderen Orten hergestellt, aber zur kontrollierten Reifung in den Klosterkellern gelagert.
Wir verspüren einmal mehr: Belgien ist ein Land vielfältigen Genusses. Gourmets können hier ähnlich wie in Frankreich auf ihre Kosten kommen.
Altar
Webseite der Abtei:
https://www.maredsous.com/die-abtei/?lang=de
© Stefan Winckler







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