Stefan Winckler
Historiker und Buchautor

Tancrémont: ein außergewöhnliches altes Kruzifix




Im Dörfchen Tancrémont, Standort einer Festung von 1938, befindet sich in einer kleinen Kapelle ein Kruzifix von etwa zwei Metern Höhe: Christ de Tancrémont. Das Kreuz ist aus Eichen-, der Korpus aus Lindenholz. Das Haupt Christi ist ungebeugt, die Augen sind geöffnet, das Antlitz ist ohne Ausdruck des Leidens. Damit verweist diese Ausarbeitung auf die romanische Kunst, die Christus als Sieger darstellt. Der Korpus war ursprünglich bemalt. Acht Farbschichten sind auf der Tunika Christi nachgewiesen.

„Vieux Bon Dieu de Tancrémont“, wie das Kunstwerk auch genannt wird,  stammt aus der Zeit zwischen den Jahren 810 und 965. Diese Darstellung des Gekreuzigten als Todesüberwinder ist sehr gut erhalten, obwohl sie einst vergraben wurde, um sie vor dem antichristlichen Bildersturm der Französischen Revolution zu schützen. Ein Bauer fand das Kruzifix 1835, es wurde zunächst als Wegekreuz aufgestellt und genoss eine starke Verehrung. Die Kapelle datiert von 1895.


Es muss wohl kaum betont werden, dass das Alter und der gute Zustand aufsehenerregend sind. Sehr wenige vergleichbare Großplastiken aus jener Zeit blieben erhalten, wie das nur wenig jüngere Triumphkreuz in der Stiftskirche zu Aschaffenburg aus ottonischer Zeit (ca. 980) und das Gerokreuz im Kölner Dom.





Banneux: Wallfahrtsort bei Lüttich


Wir haben eingangs die Mystikerinnen des Hochmittelalters erwähnt. Der Glaube, eine Offenbarung empfangen zu haben, beschränkt sich nicht auf das Mittelalter. Aus Belgien im 20. Jahrhundert werden Marienerscheinungen berichtet.
Die damals elfjährige Mariette Beco aus Banneux sagte aus, die Muttergottes sei ihr hier achtmal zwischen Januar und März 1933 erschienen, und habe die Menschen aufgefordert, „viel zu beten“. Im gleichen Jahr wurde eine Kapelle gebaut. Auffallend die Parallele zu Beauring, wo Kinder fast ganau zur gleichen Zeit von Marienerscheinungen sprachen.
Mariette Beco hielt zeitlebens an ihrer Aussage fest, auch als ihr Ablehnung entgegenschlug und ihr ein lukrativer Widerruf nahegelegt wurde. Sie heiratete, zog ihre drei Kinder auf und verstarb nach schweren Krankheiten mit 90 Jahren.
Eine erste Diözesankommission hörte 73 Zeugen und befragte zahlreiche Ärzte, Theologen, Historiker und Kirchenrechtler. Zwei weitere Kommissionen erörterten die Aussagen des Mädchens. Der Lütticher Bischof Louis-Joseph Kerkhofs erkannte im Jahre 1949 die Erscheinungen an, nachdem er anfängliche Vorbehalte überwunden hatte. Der Vatikan folgte 1952.
Die grenznahen Dörfer Moresnet, Tancrèmont und Banneux führen vor allem (aber nicht nur) Besucher aus Belgien, Niederlanden und Deutschland zusammen. 1956 konnten zwei Geistliche aus Banneux Bundeskanzler Konrad Adenauer als Unterstützer gewinnen. Der  gläubige Katholik trat der Gebetsvereinigung für den Weltfrieden, die zuvor in Banneux gegründet worden war, bei. Der Name der den deutschen Pilgern zugedachten Michaelskapelle geht auf eine Anregung Adenauers zurück, denn St. Michael gilt traditionell als Patron der Deutschen. Die Kapelle ähnelt einer Kapelle in Adenauers Wohnort Rhöndorf, und die Glocke trägt den Namen „Konrad Maria“. Er hat sie gestiftet. (1) Was die deutsch-belgischen Beziehungen angeht, so war Adenauer ein bedeutender Schrittmacher nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Staatsbesuch des 80-Jährigen in Brüssel 1956 setzte unter die grausamen Phasen der Vergangenheit samt ihren Folgen einen Schlussstrich. Er lobte den guten Willen auf belgischer Seite. Die deutsche Delegation habe seitens der belgischen Regierung und dem belgischen Volke eine ausgezeichnete Aufnahme gefunden. „Es herrschte eine sehr herzliche und freundschaftliche Atmosphäre“, so der deutsche Regierungschef.(2)
Die Anziehungskraft einer solchen Stätte der Völkerbegegnung und -verständigung in Banneux geht weit über die Rhein-Maas-Region hinaus: So sahen wir am 11. Mai 2024 Tausende Inderinnen und Inder, singend und musizierend.
Johannes Paul II. besuchte Banneux auf seiner ersten Papstreise nach Belgien am 21. Mai 1985. Anlässlich der Eucharistischen Feier führte er aus:
„Heute sind wir alle Gäste der Muttergottes, unserer Lieben Frau von Banneux. Seit mehr als fünfzig Jahren gibt es nicht nur die Kranken, sondern auch die große Bevölkerung der heutigen Armen – es gibt viele Arten, arm zu sein! – Sie fühlen sich in Banneux zu Hause. Sie kommen hierher, um in ihrer Prüfung Trost, Mut, Hoffnung und die Vereinigung mit Gott zu suchen (…)“. Dabei grüßte er „von ganzem Herzen die Gläubigen der deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens, die in großer Zahl mit ihren Pfarrern hierher gekommen sind“.
Rechtzeitig zum Papstbesuch wurde die architektonisch schlichte, modern-funktionale Kirche der Jungfrau der Armen fertiggestellt. Sie fasst rund 5.000 Besucher. Darüber hinaus existieren mehrere sehr geräumige Kapellen. Die Gläubigen drängen sich insbesondere in der kleinen Erscheinungskapelle und an der Quelle, an der Mariette Beco am 18. Januar 1933 die Worte Mariens zu hören glaubte: „Diese Quelle ist mir vorbehalten, taucht Eure Hände in das Wasser“. Einen Tag später vernahm sie den Satz „Diese Quelle ist für alle Nationen, für die Kranken“.

1    Vgl. Kapelle St. Michael und Glockenturm in Banneux (konrad-adenauer.de)

2   NDR Retro – Aus Politik und Gesellschaft · Staatsbesuch in Belgien: Ansprache von Konrad Adenauer · Podcast in der ARD Audiothek


Brunnen und Brunnenstatue mit indischen Pilgern



Erscheinungskapelle



















Banneux, Haus der Familie Beco






















Banneux, Franziskuskapelle
























Kirche der Jungfrau der Armen










Michaelskapelle


























Banneux, Krankenhospiz










Banneux, Esplanade














© Stefan Winckler

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