„Hollywoods Pakt mit dem Teufel“? Zum 50. Jahrestag der Premiere des Spielfilms „Das Omen“
Hier braucht man Kenntnis. Wer Verstand hat,
berechne den Zahlenwert des Tieres.
Denn es ist die Zahl eines Menschennamens;
seine Zahl ist sechshundertsechsundsechzig
Buch der Offenbarung 13, 18
Die 1970er Jahre begannen nicht allzu gut für die US-Amerikaner. Der Vietnamkrieg war nach wie vor im Gange. Dabei hatte Präsidentschaftskandidat Richard Nixon im Wahlkampf 1968 verkündet, er verfüge über einen „geheimen Plan“, einen „ehrenvollen Frieden“ innerhalb eines halben Jahres herbeizuführen. Die Wirtschaftskrise brachte Arbeitslosigkeit und Inflation mit sich. Kriminalität und Verwahrlosung in den großen Städten war ein Thema, das sich auch in neuen, spektakulären Kriminalfilmen wie „The French Connection“ niederschlug. Längst hatten Rassenkrawalle, politische Gewalt und eine linke Szene an manchen Universitäten den Optimismus der kurzen Kennedy-Jahre vertrieben. Selbst die Beach Boys, in den 1960ern Symbolfiguren des Hedonismus mit ihren Songs über Wellenreiten und Autos, veränderten sich in Richtung Hippie-Look und sahen ihre kommerziellen Möglichkeiten auf einmal in Liedthemen wie Umweltverschmutzung und Campus-Protest (Songs „Don't Go Near The Water“, „Student Demonstration Time“, beide 1971).
Zugleich wuchs der Gegensatz zwischen den Generationen. Dem materiell orientierten, wirtschaftlich abgesichterten Bürgertum stand auf einmal eine Jugend gegenüber, die in Teilen postmaterialistische Werte vertrat, sich völlig anders kleidete, die Haare lang wachsen ließ, Rauschgift (wie man damals sagte) ausprobierte usw.: die Hippies und ähnliche Gruppen.
Die Welt war für viele Menschen unerwartet aus den Fugen geraten. Sollte vielleicht die Kirche als altbewährte, konservative Institution die Gegenkultur in der jungen Generation einhegen und besiegen können?
„Der Exorzist“
In dieser von Unsicherheit gekennzeichneten Zeit erzielte der US-Autor William Peter Blatty einen spektakulären Erfolg mit dem Roman „Der Exorzist“. Er sprach davon, dass die jungen Menschen von einem extremen wissenschaftlichen Materialismus zum Mystizismus übergehen werden. Das Buch (Motto: „Tief religiös – eine Parabel für unsere Zeit“) und die Verfilmung handeln von einem etwa 12-jährigen Mädchen, das schwer erkrankt ist (Psychose? Schizophrenie?) und dem die Medizin nicht helfen kann. Da rät ein Klinikdirektor, katholische Priester heranzuziehen, die das Ritual des Exorzismus anwenden. Nicht, weil er an Besessenheit glaube, sondern weil sich dadurch vielleicht Symptome beheben oder lindern ließen. Die Mutter setzt ihre letzte Hoffnung auf zwei Jesuitenpatres, die den großen Exorzismus in Anwesenheit der Patientin beten. Deren wiederkehrender Befehl an den „Dämon“ (wie er auch im Roman bezeichnet wird) lautet “The power of Christ compells you!“: „Die Kraft Christi (be-)zwingt dich!“. Genaugenommen handelt es sich nicht um den Satan der Juden und Christen, sondern um den mesopotamischen Dämon Pazuzu. Parallel versucht ein Polizeikommissar, den Mord an einem Regisseur (Freund der Mutter) aufzuklären, der anscheinend von dem Mädchen (oder dem Dämon, wie man's nimmt) getötet wurde. Wie geht es aus? Pater Karras, der jüngere Exorzist, fordert den Dämon auf, von seinem Opfer abzulassen und ihn als Opfer zu nehmen: „Take me! Come into me! God damn you! Take me! Take me!“ Der Dämon folgt, mit Absicht springt Karras aus dem Fenster in den Tod, das Mädchen ist damit erlöst, und der Dämon ist erledigt.
Blatty war libanesisch-christlicher Herkunft. Seine Mutter war ein frommes Mitglied der griechisch-katholischen Melkiten, er „konvertierte“ zur römisch-katholischen Kirche (genaugenommen kein Konfessionswechsel, sondern ein Rituswechsel) und besuchte eine Jesuitenschule. In den 1960ern wirkte er erfolgreich als Autor von Filmkomödien, befasste er sich aber plötzlich eingehend mit einem Fall von Exorzismus, der sich 1949 in Washington D.C. abgespielt und über den er einst eine Studienarbeit angefertigt hatte.1
Der Roman über zwei Exorzisten und ein schwer erkranktes Kind wurde 1971 zu einem riesigen kommerziellen Erfolg: Er stand 57 Wochen lang auf der Bestsellerliste der „New York Times“, davon 17 Wochen lang an der Spitze. Bis 1974 waren 11,8 Millionen Bände abgesetzt. Die Geschichte von zwei Ordensleuten als Helden soll die Jesuitenzeitschrift „Civilta cattolica“ anerkennend besprochen haben, und katholische High Schools empfahlen die Lektüre.
Die in jeder Hinsicht reißerische, ein Krankheitsbild ins Extreme verzerrende Verfilmung durch den Regisseur William Friedkin nach dem Drehbuch des Autors und Produzenten Blatty setzte die geschilderten Ekelszenen mit einem zuvor nie gesehenen Masken- und Tonaufwand um. Darsteller des älteren exorzierenden Jesuitenpaters war der schwedische Charakterspieler Max von Sydow, der 196
3 im Monumentalfilm „Die größte Geschichte aller Zeiten“ in der Rolle Jesu seinen Durchbruch auf dem amerikanischen Filmmarkt erlebte (privat war er allerdings Atheist, wie er dem darüber überraschten Friedkin mitteilte). Anders der Darsteller des jüngeren Exorzisten Jason Miller, der an zwei katholischen Universitäten studiert hatte.
Mancher Filmbesucher hörte in zwei Stunden mehr Obszönitäten als im ganzen Leben. Die Aufhebung des Production Code2 1967 – es handelte sich um Richtlinien, um Gotteslästerung, Vulgarität und Oszönität aus Filmen herauszuhalten – hatte die Tür zu neuen Inhalten und Formen geöffnet, die Regie-Altmeister Mervyn LeRoy (“Little Caesar“, “Quo Vadis“) nachvollziehbarerweise unter „schlechtem Geschmack“ subsummierte (TV-Interview 197
4).
Die „New York Times“ schrieb, der Schocker habe unter manchen Zuschauern heftige Übelkeit, Herzanfälle und sogar eine Fehlgeburt verursacht. Psychiater erlebten einen verstärkten Zulauf von Patienten und zeigten sich von der Schädlichkeit des Leinwandspektakels überzeugt. Denkbar ist wohl auch, dass sich die Symptome psychischer Krankheiten, durch den Film ausgelöst oder gefördert, manchmal erst mittel- bis langfristig zeigen. Mehrere Leserbriefe an den „Spiegel“ künden dagegen von unfreiwilliger Komik im Film und Gelächter im deutschen Publikum („Spiegel“, Nr. 41/1974).
Selbst die kirchlichen Berater während der Dreharbeiten waren dem Film am Ende abgeneigt:
„Pater Edmund Ryan, der in Person kurz im Film auftaucht, distanzierte sich: »Es ist ein Spektakel, das von Spezialeffekten getragen wird und nicht von irgendeiner echten Moral oder Botschaft.« Ebenso auf Abstand bedacht erklärte später der religiöse Hauptberater des »Exorzisten«, Reverend John I. Nicola, S. J., der kürzlich in Rom an einer Doktorarbeit über »Exorzismus« brütete: »Wenn ich heute zu entscheiden hätte, ob dieser Film der großen Öffentlichkeit vorgeführt werden sollte -- würde ich zögern. Und zwar wegen der Gefahr der Hysterie -- ich glaube, der Film könnte sich, was seine Wirkungen anbetrifft, durchaus mit den mittelalterlichen Veitstänzen messen.« “ („Spiegel“, Nr. 39/1974)
Die Musik ist außergewöhnlich: Mit den Komponisten Krzysztof Penderecki, Anton Webern, Hans Werner Henze und George Crumb sind Vertreter der Ernsten Musik des 20. Jahrhunderts präsent. Mit den ersten Takten von “Tubular Bells“, dem avantgardistischen Erstling des damals 20-jährigen Multiinstrumentalisten Mike Oldfield, wählte Friedkin ein äußerst markantes Stück der Gegenwart aus.
Die Einnahmen 1973/74 beliefen sich auf 199 Millionen Dollar, durch spätere Aufführungen kamen sogar 441 Millionen Dollar zusammen.
Die intellektuelle Kritik reagierte ablehend („Eines der vulgärsten, obszönsten Dreckstücke“, „Los Angeles Times“).
Tatsächliche Exorzismen
Im Jahre 2016 drehte Friedkin als Regisseur und Sprecher einen Dokumentarfilm über den Exorzisten der Diözese Rom, Pater Gabriele Amorth, wobei er auch einem „echten“ Exorzismus beiwohnen durfte und Teile davon filmte („The Devil and Father Amorth“).
Exorzismus kam bald nach dem Erfolg des „Exorzisten“ erneut ins Gespräch, weniger wegen Filmen, die auf das Thema aufsprangen3, sondern wegen eines „echten“ Exorzismus 1976 in Klingenberg am Main. Die selbst im katholischen Milieu vor Ort als Sektierer betrachteten Eltern der an Paranoid-halluzinatorischer Psychose bei Epilepsie erkrankten Anneliese Michel (Jg. 1952) hatten deren seit Jahren bestehende ärztliche Behandlung abgebrochen. Nachdem der Würzburger Bischof Josef Stangl Erlaubnis und Anordnung erteilt hatte, beteten zwei Geistliche im Beisein Michels den Großen Exorzismus in 67 Sitzungen. Die Patientin verweigerte zuletzt die Nahrungsaufnahme, weil „teuflische Stimmen“ sie dazu aufgefordert hätten. Sie verstarb vor 50 Jahren am 1. Juli 1976 an einer akuten Lungenentzündung, der sie angesichts ihrer massiven Unterernährung keine Kraft entgegensetzen konnte.
Das Landgericht Aschaffenburg verurteilte die Eltern sowie die beteiligten Priester Pater Arnold Renz (Orden der Salvatorianer) und Gemeindepfarrer Ernst Alt wegen fahrlassiger Tötung durch unterlassene Hilfeleistung zu einer rechtskräftigen Strafe von jeweils einem halben Jahr, die auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt war. Zutreffende Begründung: Es wäre möglich gewesen, Michel zu retten, wenn die ärztliche Behandlung fortgesetzt worden wäre. Die Angelegenheit und das Verfahren vor dem Landgericht Aschaffenburg fand eine sehr starke, überregionale Beachtung, während im Bistum Würzburg v.a. auch die Frage nach der Verantwortung Stangls (der sich kein eigenes Bild von Michel gemacht hatte) diskutiert wurde: Die Anklage gegen ihn wurde fallengelassen.
Inzwischen hat die Katholische Kirche den Gebrauch des Exorzismus eingeschränkt: Er soll nicht mehr angewandt werden, wenn Geisteskrankheiten diagnostiziert worden sind. Es bleibt festzuhalten, dass der Ausschluss fachkompetenter Ärzte und nicht die Exorzismus-Gebete selbst den Tod von Michel herbeiführten. Siehe dazu die unten genannte Promotionsarbeit.
In den letzten Jahren hat Papst Franziskus mehrfach den Kampf gegen Satan und Dämonen als notwendig bezeichnet, und auch Leo XIV. äußerte sich in einem Grußwort an einen Weltkongress exorzierender Priester letztes Jahr ähnlich.
„Das Omen“. Oder: Hoppla, der Antichrist ist da!
Durchaus subtil und ohne Ekeleffekte ist die Romanverfilmung „Rosemary's Baby“ (1968) mit Mia Farrow als ahnungslose Mutter und John Cassevetes als des Teufels Wegbereiter eher ein Kammerspiel des stillen Grusels, da er an die Fantasie der Zuschauer appelliert. Irgendwo zwischen jenem Film Roman Polanskis und Friedkins krassestmöglichem Naturalismus steht „Das Omen“.
Ein Wiedergeborener Christ namens Robert Munger präsentierte dem befreundeten Produzenten Harvey Bernhard die Idee, der Gegenspieler Christi („Antichrist“) werde geboren und wandele in Gestalt eines Kindes auf der Erde, ohne dass diese Metamorphose von der Öffentlichkeit als solche wahrgenommen werde. Munger bezog sich auf das Buch “The Late Great Planet Earth“ von Hal Lindsay, eines der meistverkauften Sachbücher jener Jahre – Inhalt: Endzeitprophezeiungen der Bibel werden mit tatsächlichen politischen Ereignissen in Beziehung gesetzt.
Bernhard drückte dem wenig bibelkundigen Drehbuchautor David Seltzer (Jg. 1940) einen Stoß religiöser Bücher in die Hand – mit der Anweisung: Mach' daraus die „Antichrist Story“!
Derweil quälten neue Krisen die Amerikaner, ja die westliche Welt: Die Ölkrise verteuerte das „schwarze Gold“ massiv, die Wirtschaft geriet in Amerika und Westeuropa deswegen in eine Flaute. Verunsicherung und Pessimismus hielten an. Längst waren gewohnte und sichere Zustände ins Wanken geraten.
Der mysteriöse amerikanisch-britische Thriller, der am 6.6.1976 – gezielte Symbolik mit Blick auf die Zahl 666 des Tiers / des Antichristen aus der Apokalypse – Premiere hatte, zehrte vom Endzeit-Denken und Weltuntergangsahnung: Der Gegenspieler Christi, der Antichrist, wird geboren und strebt rücksichtslos nach der Weltherrschaft. Wie aber kann er erkannt und ausgeschaltet werden?
Inhalt: Der US-Botschafter in Rom, Robert Thorn (Gregory Peck) muss erleben, dass sein neugeborener Sohn stirbt. Ein als Priester im katholischen Krankenhaus getarnter Teufelsjünger namens Pater Spiletto vermittelt ihm die Adoption eines zeitgleich geborenen Jungen namens Damien (klingt ähnlich wie: Dämon). Thorn verheimlicht seiner Frau (Lee Remick) die illegale Adoption. Der Diplomat wird bald darauf nach London versetzt. Dort erhängt sich das Kindermädchen, und ihre streng-dämonisch wirkende Nachfolgerin (Billie Whitelaw) bringt ungebeten einen Rottweilerhund (beide dienen Satan als Beschützer Damiens) in die prächtige Privatresidenz mit. Ein Priester namens Pater Brennan warnt Thorn vor dem Jungen. Warum? Brennan war ein Instrument des Teufels, wandte sich aber unter dem Eindruck einer Krebsdiagnose wieder Gott zu. Kurz darauf erschlägt ihn nicht etwa ein Blitz, sondern ein herabstürzender Blitzableiter in einem heftigen Gewitter (ist ja viel spektakulärer). Der Kleine bricht auf der Fahrt in eine Kirche in einen Wein- und Schreikrampf aus.
Im Safaripark wittern Tiere Gefahr in Damiens Nähe: Giraffen fliehen, Paviane reagieren aggressiv. Ein Fotoreporter (David Warner) meint auf seinen vorher aufgenommenen Bildern des toten Kindermädchens und des quasi-gepfählten Priesters mysteriöse Zeichen zu entdecken, die künftige Todesarten der Abgebildeten andeuten (Gattung Phantastischer Film mit seinen Schauereffekten!). Zusammen mit ihm macht sich Thorn nach Italien auf, um über die Herkunft „seines“ Kindes zu recherchieren. Sie finden Pater Spiletto in einem Kloster, schwer gezeichnet durch Brandverletzungen. Auf die Frage, wo sich Damiens Mutter befinde, nennt er einen Friedhof. Ebenda stoßen die beiden auf ein Grab, in dem ein Kinderskelett und ein Schakal liegen. Mit Mühe können sie vor wütenden Rottweilern (Friedhofswächtern) fliehen. Währenddessen erschreckt die Amme die Botschaftergattin derart, dass diese mit Todesfolge aus einem Fenster fällt. Warum? Sie war inzwischen überzeugt, dass Damien nicht ihr Kind ist und schweren Schaden mit sich bringt. Mehr und mehr davon überzeugt, dass Pater Brennan mit seiner Warnung recht hatte, suchen Thorn und der Fotoreporter einen Archäologen / Exorzisten in Megiddo (das biblische Armageddon) namens Bugenhagen4 (Leo McKern) auf, der ihm sieben Dolche reicht, mit denen er Damien töten solle. Wütend wirft Thorn in Jerusalem die Dolche weg, Jennings will sie aufheben - da rollt ein Auto auf ihn zu, und – nein, es überfährt ihn nicht (das wäre ja trivial). Vielmehr löst sich eine Glasplatte auf der Transportfläche und trennt ihm den Kopf vom Rumpf. Deutlicher geht’s nimmer: Nach dem Tod seines einzigen Verbündeten ist auch der eigentlich rational denkende Thorn davon überzeugt, dass übernatürliche Mächte im Spiel sind, und entschlossen, sich und die Welt von Damien zu befreien.
Er findet die von Bugenhagen beschriebene Zahlensymbolik der drei Sechsen unter Damiens Haar, schnappt sich den Knaben, um ihn auf dem Altar der nächstgelegenen Kirche zu „opfern“. Da greift ihn das Kindermädchen an, Thorn tötet es in Notwehr. In der Kirche angekommen, ist auch die Polizei zu Stelle, und erschießt Thorn (finaler Rettungsschuss). Damien ist gerettet, und wird vom US-Präsidentenpaar, Freunde Thorns, adoptiert. Die Moral von der Geschicht': Böse Kinder liebe man nicht, und vor allem sei die weltliche Macht mit ihren Institutionen mit dem Satan im Bunde (dass die Kirche schon infiziert sei, sahen am Beispiel von Spiletto und Brennan), so die Aussage des Filmdramas mit seinem fast schon lehrbuchmäßigen Spannungsbogen. Mehr noch: Satan sandte einen Sohn (der in der jüdischen, christlichen und islamischen Religion nicht existiert) in die Sphäre der politischen Macht. Die Auseinandersetzung von Gut und Böse wird auf eine neue Spitze getrieben.
Nun könnte leicht gesagt werden: Dass es einen Gegenspieler Christi geben kann – das legt das Neue Testament nahe, man denke an die Versuchungen Christi in der Wüste. Die Johannesbriefe werden konkret: In der „letzten Stunde“ kommen viele Antichristen aus unserer Mitte, ohne zu uns zu gehören. „Wer ist der Lügner – wenn nicht der, der leugnet, dass Jesus der Christus ist? Das ist der Antichrist: wer den Vater und den Sohn leugnet“. (1 Joh 2,23). Wer leugnet, dass Jesus der Sohn ist, hat auch den Vater nicht; wer bekennt, dass er der Sohn ist, hat auch den Vater“ (1 Joh 2,23).
Kirchenlehrer wie etwa Hippolyt und Augustinus kamen auf den Begriff des Antichristen zurück, und im Mittelalter war er zentraler Begriff in den Propagandafechtereien zwischen Papst Gregor IX. und Kaiser Friedrich II., die sich gegenseitig als „Antichrist“ bezeichneten. Später nannte Savonarola Papst Alexander VI. den „Antichristen“. Weitere Antichrist-Zuschreibungen siehe:
https://de.wikipedia.org/wiki/Antichrist. Dort fehlt aber die Information, dass der nordirische Pastor Ian Paisley Papst Johannes Paul II. während einer Rede vor dem Europäischen Parlament ins Gesicht brüllte, dieser sei der Antichrist (1988).
Erst recht frei erfunden, ohne jegliche biblische Grundlage, erscheint die Abstammung eines Kindes von einem Schakal, ebenso die künftige Todesursacher eines Charakters als „Omen“ auf Fotos. Über manche Abstrusität aus diesem Produkt der Gattung Phantastischer Film lässt sich spotten, der Kritiker spürt dies intensiver als der erstmalige Zuschauer. Aber – der Film zieht das Publikum massiv in den Bann. Die sehr wirkungsvolle Musik des erfahrenen Filmkomponisten Jerry Goldsmith (u.a. „Alien“ 1979, „Planet der Affen“ 1967) setzt Maßstäbe in der Unterstützung von suspense, d.h. von szenischer Spannung, und erinnert an Carl Orffs und Bernard Herrmanns Werke. Die Bildgestaltung (Gilbert Taylor, der zuvor u.a. für Roman Polanski und Stanley Kubrick gearbeitet hatte), ist hervorragend. Es sind eher „schöne“ Bilder, der Look des Filmes ist weit weniger „dokumentarisch“ als im „Exorzisten“. Die Sprache ist sehr bürgerlich, es wird nicht geflucht, nichts ist ordinär oder obszön. Drehbuch und Regie lassen die Familienidylle ganz allmählich in ein phantastisch-mysteriöses Szenario umkippen. Und dann haben wir als Markenzeichen die Gestaltung der Todesarten. Insgesamt machen sie nur einen winzigen Teil der 111 Minuten aus – und doch sind sie außerordentlich wirkungsvoll. Ein weiterer Pluspunkt ist die Besetzung: Nur wenige Leinwandpaare wirken so sympathisch wie Gregory Peck und Lee Remick. Wenn sie leiden, fällt das Mitgefühl leicht. Wer zuschaut, identifiziert sich mit den Thorns und gruselt sich mehr und mehr vor dem „Satansbraten“ in Gestalt eines Kleinkinds. Die Rollen von Gut und Böse sind klar verteilt, eine Werbung für Satan findet nicht statt. So sank bezeichnenderweise die Popularität von „Rottweiler-Höllenhunden“ in den USA infolge des Films.
Weniger bekannt ist, dass Drehbuchautor Seltzer eine Produktion über die Macht des Übernatürlichen samt Teufelshufen und Hexenzauber im Sinn hatte, während Regisseur Donner den Film über eine Familie in der Krise konzipierte, in der der Wahnsinn der Hauptfigur am Ende überhand nimmt. Das endgültige Produkt war wohl ein Kompromiss, und zwar ein kommerziell erfolgreicher: Mehr als 60 Millionen Dollar Einnahmen standen Produktionskosten von 2,8 Millionen Dollar gegenüber.
Der Vatikan war alles andere als erbaut: Über ein solch ernstes Thema werde ein Film aus rein konsum-orientierten und damit wirtschaftlichen Gründen mit den Mitteln der Effekthascherei gedreht, und auch ein Kind als Antichrist habe nichts mit der kirchlichen Lehre zu tun (tatsächlich steht nirgendwo in der Schrift etwas von Geburt und Kindheit des Antichristen). Weiterhin ist der Satz von Pater Brennan, der vorgeblich der Johannes-Apokalypse entnommen scheint, frei erfunden und passt eher zu Nostradamus: „Wenn die Juden sich über Zion erheben und ein Komet den Himmel teilt und das römische Imperium neu ersteht, dann endet unser beider Leben. Aus dem ewigen Meer steigt er empor, stampft Armeen aus dem Boden hervor. Es töten die Brüder sich, die Erde wird leer... und die Menschheit existiert nicht mehr. Im Buch der Offenbarungen ist alles vorhergesagt."
Völlig frei erfunden sind auch die sieben Dolche, die nötig seien, um den Antichristen zu töten. Kein Wort davon in der Heiligen Schrift – aber es kann Zuschauer gegeben haben, die all dies als authentische Aussagen der Christentums ansahen. Hingegen ist das am Ende gezeigte Zitat aus der Apokalypse 13,18 „echt“.
Der Verleih gab viel Geld für Fernsehwerbung
5 aus, die bei manchen Zuschauer weniger Interesse am Film als Angst verursacht haben könnte. Das war nicht im Sinne der Kirche.
Die evangelikale California Graduate School of Theology sah hingegen überwiegend Vorzüge und ehrte die Filmemacher im Jahre 1977 mit einem Sonderpreis. Ob die Preisverleiher die Motivation David Seltzers kannten? Der sagte rückblickend: „Ich habe es nur wegen des Geldes gemacht. Ich war völlig pleite. Es ist sehr angenehm, sich zum ersten Mal in meinem Leben keine Sorgen um die Lebensmittelrechnung machen zu müssen. Ich wünschte nur, ich hätte diesen Erfolg mit etwas gehabt, das mir persönlich mehr bedeutet hätte... Ich finde es erschreckend, wie viele Menschen diesen Unsinn glauben“. (
www.imdb.com/de/name/nm0783544/quotes/?ref_=nm_dyk_qu).
Fortsetzungen konnten weniger fesseln. „Damien Omen II“ (1978) litt unter einem weit schwächeren Darsteller-Paar, bestehend aus dem erkennbar alkoholkrank aussehenden William Holden und der wenig ausstrahlenden Lee Grant. Diesmal war der mittlerweile jugendliche Antichrist von Thorns Bruder, einem Großindustriellen, adoptiert und besucht die Militärakademie. Der damalige betont christliche US-Präsident Jimmy Carter, baptistischer Laienprediger, wäre als Ersatzvater des Satanssohnes wohl nicht denkbar gewesen, während die multinationalen Konzerne einen eher schlechten Ruf hatten. Im Grunde ging es in jenem Film nur darum, welche Figur als nächste auf welche Weise stirbt. Inhaltlich irgendwo zwischen Logik-Lücken und Geschmacklosigkeit ob der allzu effekthascherischen, dick aufgetragenen Todesarten angesiedelt, waren wenigstens Kamera (Bill Butler) und Musik (Jerry Goldsmith) überdurchschnittlich. Eine große Schwäche war m.E., dass ein dauerhafter, ernstzunehmender Gegenspieler des „Teufelsjungen“ fehlte.
Der dritte Teil „The Final Conflict“ (1981) zeigte Damien (San Neill), mittlerweile erwachsen, als US-Botschafter in Großbritannien. Publikum und Kritik reagierten verhalten: dem Antichrist fehlten einmal mehr ernstzunehmende Feinde, zumal eine Gruppe italienischer Mönche (angeführt von Rosanno Brazzi) sich sehr ungeschickt anstellt und regelmäßig scheitert. Wie es eben bei Sequels so ist: Sie lassen nach und nach nach. Wichtig ist da schon eher, dass am Ende Jesus erscheint und der Antichrist besiegt ist.
Anspruchsvoller war die Verfilmung des Romans „Der Schrecken der Medusa“ (1973) von Peter Van Greenaway. Ähnlich wie „Das Omen“ reiht der Film des Briten Jack Gold verschiedene Katastrophen aneinander, die allerdings kein Antichrist verursacht, sondern ein misanthropischer intellektueller Schriftsteller mit telekinetischen Kräften. Der mysteriöse Thriller mit Krimi-Elementen zeigt Richard Burton, Lino Ventura, Lee Remick und Gordon Jackson.
Fazit
Der Verfasser kennt keine Umfragen, ob die genannten Filme, v.a. „Der Exorzist“ oder „Das Omen“ eine glaubensfördernde Wirkung hatten. Er vermutet: Manche Zuschauer haben etwas infolge solcher Filme über Exorzismus, den Teufel, den Antichrist nachgelesen oder im Buch der Offenbarung nach Zitaten gesucht. Im allgemeinen dürften die Filme aber als effektvolle Unterhaltung gedient haben, so dass die Bedenken der Kirche wegen manchen erfundenen Zitaten und der wenig biblischen Antichrist-Konstruktionen nachvollziehbar sind. Die gesundheitsschädliche Wirkung auf einen Teil der Zuschauer wurde bereits aufgeführt.
Von „Hollywoods Pakt mit dem Teufel“, wie der „Spiegel“-Titel 39/1974 anlässlich der deutschen Erstaufführung des „Exorzisten“ lautete, kann nicht gesprochen werden, er war wohl auch nicht ernst gemeint. Ganz zu schweigen davon, dass Pazuzu nichts mit dem Teufel oder Satan zu tun hat, sondern in der mesopotamischen Mythologie als ambivanlent galt: einerseits im Sinne von „menschenfreundlich“, als Gegenspieler des „bösen“ Dämons Lamaštu, andererseits als Personifizierung des schadensbringenden Westwinds. Hervorzuheben ist, dass Blatty auf die Erklärung verzichtet: Warum verschlägt es einen vorderasiatischen Winddämon ausgerechnet in das unschuldiges Kind einer alleinerziehenden, als Schauspielerin etablierten und atheistischen Mutter im linksliberalen Milieu von Georgetown?
Dass das Thema Dämon, oder die nicht identischen Teufel oder Antichrist von großer kommerzieller Zugkraft waren und sind, kann freilich mit Leichtigkeit belegt werden und böte genug Stoff für einen eigenen Artikel – Stichwort: Satanismus. Selbst in jüngster Vergangenheit sind wieder Varianten zum „Exorzisten“ und dem „Omen“ gedreht worden.
Literatur
Zum Film „Der Exorzist“: https://www.spiegel.de/backstage/inhalte-aus-dem-spiegel-archiv-a-36cbcb39-2361-4d24-91b2-27929dff1dca (Titelgeschichte, 39/1974; „Hollywoods Pakt mit dem Teufel“ bzw. „Ich treibe dich aus, unreiner Geist“.
Der Fall Anneliese Michel:
http://www.pow.bistum-wuerzburg.de/index.html/erste-wissenschaftliche-aufarbeitung/8f6796dc-2f85-40f4-a298-264823ce1936?mode=detail
Petra Ney-Hellmuth: Der Fall Anneliese Michel. Kirche, Justiz, Presse. 302 Seiten, 29,80 Euro. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2014 (Diss. im Fach Neuere Geschichte)
Ein m.E. sehr gelungene Kritik zu „Das Omen“, allerdings ohne den Bezug zu den Krisen jener Zeit und die Kritik der Kirche, steht hier (spanisch): https://www.elantepenultimomohicano.com/2012/09/critica-la-profecia-1976.html
Zur Musik von Jerry Goldsmith