Zitate über Stresemann
Stresemann hat in vaterländischer Pflichterfüllung seiner selbstgestellten Aufgabe, der Befreiung der Rheinlande, treu bis zum letzten Atemzug gedient und ist als Opfer dieses Dienstes von uns gegangen“.
Mit diesen Worten gedachte in Mainz Reichspräsident von Hindenburg in den unvergeßlichen Stunden des 20. Juli vorigen Jahres des Wirkens Stresemanns.
Bis zuletzt hat Stresemann für diese Aufgabe schwer kämpfen müssen, auch im eigenen Volke gab es viele Gegner. Der deutsche Westen aber stand hinter ihm und seiner Politik, denn hier sah man besonders deutlich, um was es ging, hier weiß man auch am besten, was die Räumung bedeutet. Im Herzen des deutschen Volkes am Rhein hat sich Stresemann ein Denkmal gesetzt , das in dem Ehrenmal zu Mainz seinen äußeren Ausdruck findet. Das Ehrenmal erhebt sich im Hessenland, dem die stärksten Besatzungslasten auferlegt waren, in der Stadt, die von jeher das Ziel fremder Machtpolitik am Rhein gewesen ist. Das Denkmal soll den Mann ehren, der ein Führer war auf dem Wege zu Deutschlands voller Freiheit. Es ehrt aber auch das Deutsche Volk. Denn ohne die Kraft der deutschen Seele, die sich in der Haltung der rheinischen Bevölkerung während der Besatzungszeit offenbarte, wäre die Politik, die der erste Reichspräsident Friedrich Ebert und Stresemann beharrlich und erfolgreich durchführten, nicht möglich gewesen. So wird das stresemann-Ehrenmal auch zu einem Denkmal für die Kraft und den Selbstbehauptungswillen der deutschen Nation, wenn sie einig ist und treu!
(Dr. Bernhard Adelung, SPD, Hessischer Staatspräsident)
Der stark entwickelte historische Sinn Stresemanns, seine ausgezeichnete Kenntnis der tiefsten Zusammenhänge, der politischen und kulturellen Geschichte, seine Fähigkeit, Entwicklungen kritisch zu beurteilen und die künftigen Fortsetzungen dieser Entwicklungen vorausahnend zu zeichnen, war ein teil der ganz besonderen Stärke eines Staatsmannes, der nicht allein innenpolitisch zu denken hatte, sondern sozusagen in großen europäischen Zusammenhängen denken mußte.
(Robert Weismann, Zentrum, Staatssekretär des Preußischen Staatsministeriums)
Meine nähere Bekanntschaft mit Gustav Stresemann datiert erst von dem Tage meiner Ernennung zum Botschafter in Washington. Vorher war ich nur selten mit ihm in Berührung gekommen. Später hatte ich zahlreiche und eingehende unterhaltungen mit ihm, von denen mir die erste und letzte unvergeßlich bleiben wird. Die erste fand im Herbst 1927 in einem Dresdner Hotelzimmer statt, wohin mich Stresemann bestellt hatte, um mir meinen jetzigen Posten anzubieten. Begreiflicherweise standen politische Fragen im Mittelpunkt der Unterhaltung. Aber es war vor allem die feine, warme und zugleich offenherzige Art, mit welcher Stresemann bestrebt war, einen menschlichen Kontakt mit seinem Gegenüber herzustellen, die auf mich einen unauslöschlichen Eiindruck machte. Ich empfand, daß er menschliches Vertrauen auch im politischen Leben für eine notwendige grundlage hielt. Das letzte Mal sah ich ihn in Berlin acht Tage vor seinem Tode, als ich mich vor Rückkehr auf meinen Posten von ihm verabschiedete. Unbekümmert um seinen körperlichen Zustand sprach er von der Zukunft voll ungelähmter Schaffensfreude, zugleich aber auch voller Sorge wegen der innerpolitischen Zersplitterung in Deutschland. In seinen Worten, hinter denen sich gewiß auch Bitterkeit gegenüber der Kampfesweise mancher seiner Gegner verbarg, lag ein tiefer Glaube an Deutschland und eine große Liebe zu seinem Volke. Seine Worte klangen noch in meinen Ohren, als wir hinter seinem Sarge herschritten. Dies dem Menschen und Deutschen zum Gedächtnis.
(Friedrich Wilhelm von Prittwitz und Gaffron, von 1927 bis 1933 deutscher Botschafter in den Vereinigten Staaten, wegen Hitler zurückgetreten, von 1946 bis zu seinem Tode 1955 MdL in Bayern)
Ich vernehme mit Freuden, daß das deutsche Volk Gustav Stresemann ein bleibendes Andenken weihen will. Nach allgemeiner Übereinstimmung wird er außerhalb Deutschlands als der größte Staatsmann angesehen, den deutschland seit Bismarck hervorgebracht hat. Es geziemt sich, daß das deutsche Volk seinen Ruhm hochhält und sein Andenken ehrt.
In einem Augenblick fast unbeschreiblichen Elends seines Landes zur macht berufen, hat er es in die Gemeinschaft der Völker wieder eingegliedert, es zu einem der einflußreichsten und geachtetsten Mitglieder des Völkerbundes gemacht und seinen Boden von den Besatzungsstreitkräften der früheren Gegner befreit. Wenn er damit Deutschland diente, so diente er der größeren Sache des Friedens gleichermaßen und trug dazu bei, einer besorgten welt die Hoffnung wiederzugeben.
Er ruht nach seinen Mühen; wir aber, die ihn kannten und liebten, bringen seinen großen Gaben, der Voraussicht, der Einsicht, dem Mut, der Aufrichtigkeit und Geduld, mit denen er so viel erreicht hat, den Zoll tiefster Verehrung dar.
(Sir Austen Chamberlain, britischer Außenminister von 1924 bis 1929, Friedensnobelpreisträger 1924 mit Charles G. Dawes, beteiligt am Vertrag von Locarno)
Ich persönlich zolle dem Andenken Stresemanns die größte Achtung. Nicht nur Deutschland hat einen großen Bürger verloren; die gesamte Welt hat einen solchen Verlust zu beklagen. Er war gewiß ein großer, deutscher Patriot, und in allen unseren Verhandlungen hat er selbstverständlich die Interessen seines Landes zu wahren versucht. Aber was würde ich selbst anderes verfolgen, als die Interessen meines Landes? Sind nicht die internationalen Verträge die vorteilhaftesten, in denes es gelingt, den Interessen beider Parteien zu genügen, so daß eine jede versichert sein darf, dabei auf ihre Rechnung zu kommen?
(Aristide Briand, französischer Außenminister 1925-1929, Friedensnobelpreisträger mit Stresemann 1926, beteiligt am Vertrag von Locarno)
Ich kannte Dr. Stresemann sehr gut. Ich war mit ihm mehrere Wochen im Jahre 1924 bei der Londoner Konferenz über den Dawesplan tätig und arbeitete mit ihm, als ich Staatssekretär [Minister] war, bei den Unterhandlungen zum Pariser Pakt und in vielen anderen Angelegenheiten, die zwischen der deutschen Regierung und den Vereinigten Staaten schwebten.
Ich hatte die höchste Meinung von seiner Fähigkeit und betrachtete ihn als einen der größten Staatsmänner und Patrioten der Nachkriegszeit. Er bemühte sich ehrlich um den Frieden Europas und den Abschluß des Pariser Abkommens. Sein Tod war ein großer Verlust für Deutschland, für Europa, ja für die ganze Welt.
(Frank B. Kellogg, US-Außenminister von 1925 bis 1929)
Quellen: Joseph Scheidel (Bearbeiter): Festschrift zur Wiedererrichtung des Stresemann-Ehrenmals, Mainz 1955, S. 73-122
Harry Graf Kessler beschrieb in seinem Tagebuch Reaktionen auf Stresemanns Tod:
Paris. 3. Oktober 1929. Donnerstag
Beim Friseur gegen Mittag Gespräche überhört: »Stresemann est mort.« Ich saß wie auf Kohlen. Dann in ›Paris Midi‹ die offizielle Nachricht. Er ist heute früh um fünfeinhalb einem Schlaganfall erlegen. Es ist ein unersetzlicher Verlust, dessen Folgen nicht abzusehen sind. So empfindet man ihn auch hier. Alles spricht davon, die Friseure, die Kellner im Restaurant, die Chauffeure, die Zeitungsfrauen. ›Paris-Midi‹ hat eine große Überschrift: ›Un événement d'une portée mondiale et un deuil pour la cause de la Paix.‹ (…)
Nachmittags bei Rieth. Er sagt, der Eindruck, den Stresemanns Tod in Paris gemacht habe, sei ungeheuer; die Leute seien geradezu konsterniert. Briand sei schon um zehn heute früh bei ihm gewesen und habe sich mit sehr warmer menschlicher Teilnahme ausgedrückt. Das allgemeine Gefühl sei nicht nur Konsternation, sondern auch Beunruhigung, was jetzt werden solle.
Ich befürchte von Stresemanns Tod in erster Linie sehr ernste innerpolitische Folgen, das Abrücken der Volkspartei nach rechts, einen Bruch der Koalition, Erleichterung der Diktaturbestrebungen.
Paris. 4. Oktober 1929. Freitag
Alle Pariser Morgenzeitungen bringen die Nachricht vom Tode Stresemanns in größter Aufmachung. Es ist fast so, als ob der größte französische Staatsmann gestorben wäre. Die Trauer ist allgemein und echt. Man empfindet, daß es doch schon ein europäisches Vaterland gibt. Die Franzosen empfinden Stresemann wie eine Art von europäischem Bismarck.
Die Legende beginnt; Stresemann ist durch seinen plötzlichen Tod eine fast mythische Figur geworden. Keiner von den großen Staatsmännern des neunzehnten Jahrhunderts, weder Pitt noch Talleyrand, noch Metternich, noch Palmerston, noch Napoleon III., noch Cavour, noch Bismarck, noch Gambetta, noch Disraeli, hat eine so einstimmige Weltgeltung und Apotheose erreicht. Er ist der erste, der als wirklich europäischer Staatsmann in Walhalla eingeht. Die ›Times‹ schreiben in ihrem Leitartikel: ›Stresemann did inestimable service to the German Republic; his work for Europe as a whole was almost as great.‹
Quelle: Harry Graf Kessler: Tagebücher 1918-1937, wiedergeben in: https://projekt-gutenberg.org/authors/harry-kessler/books/tagebuecher-1918-1937/chapter/12/